Lebensgeschichte

Das Ziel erreicht

Aus der Ausgabe Herbst 2026

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Stell dir vor, es ist Samstag. Du machst eine Sightseeing-Tour und beschließt, dir den schon von außen wunderschönen Dom mitten in der Altstadt nun auch von innen anzusehen. Neben all den beeindruckenden Kunstwerken, die du ehrfürchtig betrachtest, fällt dir etwas auf, das nicht so recht ins Bild passen will. Etwas, das dir irgendwie merkwürdig vorkommt; und das bei genauerer Betrachtung den Gesamteindruck dieses Ortes nahezu perfekt ergänzt. Da ist diese junge Frau. Ihre Haare sind lila, die Ohren unter großen Kopfhörern verborgen, die Arme verbunden. Als könnten die Verbände das Offensichtliche verbergen. Still kniet sie vor einem kleinen Kreuz, den Kopf zu Boden geneigt. Dann blickt sie auf, versucht sich an einem Lächeln und fängt dann doch bitterlich und von dem Moment hoffnungsvoll ergriffen an zu weinen. Diese Frau war ich.

Angekommen

Sie haben das Ziel erreicht, erinnerte ich mich an die Stimme meines Navis genau in der Sekunde, als ich meinen Blick zu Jesus am Kreuz erhob. Nur wenige Tage zuvor war er mir in einer solchen Schönheit und Liebe begegnet, dass es mein ganzes Leben verändern sollte. Ich bin Jenny. Der Weg zu meinem Ziel war gepflastert mit Schmerz. Psychische Erkrankungen und Diagnosen bestimmten über Jahre meinen Alltag und wurden mir zur Identität. Ich stand vor einem Haufen zerbrochener Lebensrealitäten, als sich mir endlich ein Weg offenbarte. Die Wahrheit in Person nahm mich an die Hand und hat mich bis heute nicht mehr losgelassen; und zeigt mir unentwegt das Ziel, das Leben heißt, und wie es sich erreichen lässt.

Aber von vorne. Ich bin in einer kleineren Stadt in Bayern aufgewachsen. Von außen schien alles wunderbar. Doch an all das erinnere ich mich nur sehr bruchstückhaft. Als sehr junges Mädchen wurden mir unaussprechliche Dinge angetan. Und genauso, wie die Täter das vor der Welt versteckten, beschloss meine Psyche, es vor mir zu verstecken. Ich verstand nie, wie glücklich sein eigentlich funktionieren soll, und war ständig auf der Suche nach dem nächsten Kick, um meinem inneren Schmerz zu entkommen: Selbstverletzungen, Magersucht, später Bulimie, Drogenund Alkoholsucht, unzählige Aufenthalte in Psychiatrien und Krankenhäusern sowie Suizidversuche. Hoffnung hatte ich kaum. Ich traute mich nicht, weiter als vier Wochen in die Zukunft zu denken. Doch Gott hatte einen Plan.

Bereit

Am dunkelsten Punkt meines Lebens versprach ich meinen Eltern, es noch einmal zu probieren, alles, was ging, ein letztes Mal: Jede Therapie, jedes Medikament, jede Möglichkeit. Sollten all diese Versuche scheitern, wollten sie meinem Wunsch nach assistierter Sterbehilfe zustimmen. Ich war nicht wirklich gläubig aufgewachsen – bayrisch-katholisch würde ich sagen. Trotzdem hatte das in mir ein Gefühl dafür hinterlassen, dass ich es auch mit Gott versuchen musste, wenn ich von „alles, was geht“ sprach. Der bevorstehende Aufenthalt in der Psychiatrie erschien mir dafür genau das Richtige zu sein.

Auf der beschützten Station fing ich an, die Menschen um mich herum nach ihrer Meinung über den Glauben zu fragen. Ich dachte damals: Also, dieser Gott will mich bestimmt nicht kennenlernen – und ich ihn eigentlich auch nicht. Trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los. An einem Sonntag sagte jemand zu mir: „Du suchst doch Gott. Da ist diese Kneipe, in der ist gleich Gottesdienst.“ Ich kannte den „Club“, von dem er sprach aus meiner Konsumzeit. Wenn Gott tatsächlich dort zu finden wäre, würde er sich dann nicht vielleicht sogar auch mit jemandem wie mir abgeben?

„Am dunkelsten Punkt meines Lebens versprach ich meinen Eltern, es noch einmal zu probieren; alles, was ging, ein letztes Mal.“

Unbegreiflich

Der Gottesdienst war völlig anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Die Menschen dort strahlten eine Zufriedenheit aus, die ich weder bei mir noch bei anderen jemals gesehen hatte. Trotzdem ging ich bald wieder. Die Angst vor Fremden und die vielen Menschen waren einfach zu viel für mich. Aber ein junger Mann bemerkte mich und ging mir hinterher. Auf einer Bank vor der alten Bar erklärte er mir das Evangelium. Es erschien mir so einfach und doch so unbegreiflich. Welche Art von Liebe muss das sein, die für unwürdige, kaputte, kranke und verlorene Menschen bis in den Tod geht? Bevor ich dann zurück in die Klinik fuhr, betete er dafür, dass ich endlich wieder weinen kann. Was für ein bemerkenswertes Gebet.

„Mich überrollte eine Welle von Liebe, wie ich sie mit nichts vergleichen kann, dass ich jemals erlebt habe.“

Ein paar Tage später wurde ich zu einem Event der Circuit Riders, einer internationalen Jugendbewegung, eingeladen. Während des ersten Lobpreisliedes verurteilte ich innerlich erst einmal alle dafür, wie komisch sie sich verhielten. Ich fand das echt merkwürdig. Gleichzeitig hoffte ich, dass sich auch in mir etwas regen würde; dass ich irgendwie bewegt wäre; ja, dass ich endlich wieder weinen könnte. Nichts davon geschah. Als die Musik aufhörte, schaute mich der Musiker am Klavier an, direkt und tief in die Augen, und sagte: „Wir müssen den ersten Song noch einmal spielen.“

Bedingungslos

Dann, mit dem ersten Ton des Liedes, war nichts mehr wie zuvor. Mich überrollte eine Welle von Liebe, wie ich sie mit nichts vergleichen kann, was ich jemals erlebt habe. Ich sank auf die Knie. Tränen liefen mir über das Gesicht und ich wusste: Gott ist da! Gott lebt, er sieht und berührt mich. Er weiß alles, was ich jemals gedacht, getan und erlebt habe. Keine einzige Sekunde meines Lebens war und ist ihm unbekannt, dennoch liebt er mich so bedingungslos und tief, dass er sein Leben für meins gab. Das zu spüren und zu begreifen; das auch ganz real zu ergreifen und für mich persönlich in Anspruch nehmen zu dürfen, hat mein Herz verändert und mich gerettet. Am selben Abend gab ich Jesus mein Leben. Zwei Tage später ließ ich mich taufen. Seitdem darf ich jeden Tag ein bisschen mehr verstehen, was es heißt, dass Liebe vergibt, kämpft und siegt. Heute darf ich ein Leben führen, das an Schönheit kaum zu übertreffen ist. Ich darf erleben, wie das Evangelium bis heute alles in mir und an mir verändert. Zu erkennen, dass aus meiner Schuld durch sein Kreuz lebendige Hoffnung wurde, schenkte mir Mut in meiner Angst und Stärke in meinen Verletzungen. Aus Hass wurde Liebe und aus Gefangenschaft ein Weg in die Freiheit – ein Weg, auf dem ich das Ziel in der Begegnung mit der Liebe selbst immer wieder erreichen darf. Mit dem Blick auf die Liebe des Retters selbst bete ich, dass auch du jeden Tag aufs Neue dein Ziel erreichst.

Jenny Frank

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