Was für eine Aussage! Was für ein Widerspruch, denkt vielleicht mancher. Frei sein heißt doch gerade ungebunden sein, nicht an etwas oder jemanden gekettet sein. Freiheit bedeutet doch vor allem Selbstbestimmung. Ich werde nicht beschränkt von irgendetwas oder irgendjemandem, sondern ich kann tun und lassen, was ich will. Das ist doch wirkliche Freiheit!
Das Missverständnis
Dieses Verständnis von Freiheit ist weit verbreitet. Solch eine Freiheit wird heiß ersehnt. Oft wird hart um sie gekämpft – und genauso oft nicht gefunden. Das Problem ist, dass es so eine Freiheit nicht gibt, ja, nicht mal geben kann. Wir sind nie komplett frei in unseren Entscheidungen. Das merkt schon das Kind, das unbedingt wie der Vogel fliegen will. Wir Erwachsenen haben uns diese Art von Wünschen abgewöhnt, weil wir wissen, dass wir die Erdanziehung nur bedingt überwinden können. Als Men- schen sind wir vielen Gegebenheiten ausgeliefert, die unsere so verstandene Freiheit massiv einschränken: wir müssen essen, trinken und schlafen.
„Eine Freiheit, die als absolute Selbstbestimmung verstanden wird, wäre auch eine sehr einsame Freiheit.“
Wir werden älter. Wir können nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein. Wir können Vergangenes nicht mehr ändern. Das alles und vieles mehr ist festgelegt und schränkt in diesem Sinne unsere Freiheit ein.
Eine Freiheit, die als absolute Selbstbestimmung verstanden wird, wäre auch eine sehr einsame Freiheit. Meine Freiheit hört immer irgendwann beim anderen auf, der eben auch seine Wünsche und Bedürfnisse hat. Ein Leben in Gemeinschaft bedeutet immer, dass jeder auf einen Teil seiner Freiheit und seiner Selbstbestimmung verzichtet, damit die Gemeinschaft funktionieren kann. Und wenn es nur ist, dass man sich an Absprachen hält oder auf jemanden Rücksicht nimmt, der gerade krank ist.
Außerdem sehen wir heute oft, dass eine (zu) große Freiheit auch überfordern kann. Wenn man sich bei der großen Auswahl nicht für ein Studienfach oder einen Urlaubsort entscheiden kann, dann wird die vermeintliche Freiheit durch die Angst etwas zu verpassen ersetzt – und dadurch verpasst man erst recht alles.
Halt dich fest
In diese Sehnsucht nach Freiheit spricht der Satz: „Halte dich fest an mir, dann wird dein Herz frei sein!“ Er stammt aus einem alten Buch: „De imitatione Christi“ (Das Buch von der Nachfolge Christi). Thomas von Kempen hat es im 15. Jahrhundert im Kloster in Zwolle (Niederlande) verfasst, wo er unter anderem für die Anleitung der jungen Mönche zuständig war. Dieses Buch gehört zu den meistgelesenen christlichen Schriften überhaupt! Thomas spricht hier von Jesus Christus. Er ist derjenige, der sagt „halte dich fest an mir, dann wird dein Herz frei sein!“ Wie kann das gehen? Wie soll ausgerechnet durch eine enge Bindung Freiheit entstehen? Der Straßenverkehr ist ein gutes Beispiel dafür: Das gut ausgebaute Straßennetz in Deutschland könnten wir als Einschränkung unserer Freiheit sehen – schließlich gibt es uns vor, wo wir fahren sollen und wo nicht. Aber wenn wir einfach der Nase nach fahren und uns nicht darum kümmern, ob da eine Straße ist oder nicht, merken wir sehr schnell, dass Straßen unsere (Bewegungs-)Freiheit erst ermöglichen! Abseits davon kommt auch das geländegängigste Fahrzeug nicht durch einen dichten Wald oder auf die andere Seite des Rheins. In Bezug auf Straßen ist uns das allen klar. Für unser persönliches Leben scheint das weit weniger der Fall.
Frei von Druck Seite an Seite
Thomas behauptet, dass wir nur Freiheit erleben können, wenn wir uns binden – und zwar nicht an irgendetwas oder irgendjemanden, sondern an Jesus Christus. In der Bibel heißt das so: „Nur wenn euch der Sohn [also Jesus Christus] frei macht, dann seid ihr wirklich frei“ (Johannes 8,36).
„Ein Leben in der Bindung an Jesus Christus bedeutet zuerst einmal, Freiheit von den Folgen der Sünde zu erleben.“
Nur die Bindung an Gott, der in Jesus Mensch wurde, damit wir wieder in Beziehung mit ihm sein können, nur diese Verbindung bringt wirkliche Freiheit. Das ist auch der Kern des Buches von Thomas von Kempen „Nachfolge Christi“: sich sozusagen auf der „Straße“ bewegen, die Jesus uns aufzeigt. Bei den ersten Jüngern war das ganz wörtlich so; sie waren mit Jesus auf Straßen unterwegs. Da wo er hinging, da gingen sie mit. Da wo er blieb, da blieben sie auch. Sie lebten mit ihm; sie lernten von ihm; sie hörten ihm zu; sie beobachteten ihn und führten aus, was er ihnen auftrug. Sie banden sich freiwillig an Jesus als ihren Rabbi oder Meister. Auch wenn Jesus nicht mehr leibhaftig vor uns her geht, sind wir doch zu so einer Nachfolge eingeladen – einem Leben in der Bindung an Jesus Christus und damit einem Leben in Freiheit.
Ein Leben in der Bindung an Jesus Christus bedeutet zuerst einmal, Freiheit von den Folgen der Sünde zu erleben. Die Beziehung zu Gott ist durch Jesus wiederhergestellt. Wir müssen es nur im Glauben annehmen und sind dann frei von dem Druck, Gott gefallen zu müssen, uns selbst optimieren zu müssen, damit wir es Gott recht machen. Wir sind frei von der Sorge um unsere Zukunft, denn diese ist sicher bei Gott. Eine der berühmtesten Schriften Martin Luthers ist „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Er betont darin, dass ein Christ, der sein Vertrauen (also seinen Glauben) auf Jesus Christus setzt, unabhängig ist von allen Umständen, von allem, was Menschen oder Ereignisse in sein Leben bringen könnten. Einem Christen kann „kein Ding zur Seligkeit schaden“. Sein christliches Leben ist allein abhängig von Gott und dadurch unabhängig von allem, was auf dieser Welt ist oder passieren könnte. Luther fasst es so zusammen: „Was für eine köstliche Freiheit der Christen!“
Egal, was sie sagen
In unserer Suche nach Freiheit merken wir oft gar nicht, wie sehr wir von anderen beeinflusst sind. Unsere Wünsche, unsere Ansichten sind geprägt von dem, was wir aufnehmen. Wir sind täglich einer Flut von Informationen, Ansichten, Bildern und
„Die Sehnsucht nach Freiheit ist also gar nicht so verkehrt – nur suchen wir sie oft nicht da, wo sie zu finden ist!“
Werbung ausgesetzt. Algorithmen der Sozialen Medien geben uns vor, was wir gut finden und wie wir sein sollten.
Oft sind wir getrieben und gezogen von den Erwartungen und Wünschen anderer. Freiheit sieht anders aus.
Die Bibel macht es kurz: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8,32). Thomas von Kempen drückt es (erstaunlich aktuell!) so aus „Wer so weise ist, dass er alle Dinge für das halten kann, was sie sind und nicht für das, wofür sie von anderen gehalten und ausgegeben werden, der hat die rechte Weisheit und hat seine Weisheit mehr von Gott als von Menschen gelernt.“ Und weiter: „Du bist nicht heiliger, wenn man dich lobt, und nicht schlechter, wenn man dich tadelt. Was du bist, das bist du, und alle Worte der Menschen können dich nicht größer [und nicht kleiner] reden, als du im Urteil Gottes wirklich bist.“ Alle Dinge – auch mich selbst – für das halten, was sie sind, das ist wahre innere Freiheit – eine Wahrheit, die heute wichtiger ist, denn je!
Frei für Gutes
Wenn wir von Freiheit reden, meinen wir meist die Freiheit „von“ etwas. Dadurch liegt der Fokus auf dem „Nicht“ und der Vergangenheit. Aber man kann den Fokus auch auf das Positive und die Zukunft richten: Freiheit für das Gute, das folgen kann. In der schon erwähnten Schrift von Luther ist das das zweite, das er betont: „So will ich einem solchen Vater (=Gott), der mich mit seinen eigenen, überschwänglichen Gütern so überschüttet hat, umgekehrt frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt“. Das ist das, was Paulus in Galater 5,13 meint: „Gebraucht eure Freiheit nicht als Vorwand, um die Wünsche eurer selbstsüchtigen Natur zu befriedigen, sondern dient einander in Liebe.“ Einander dienen – das hört sich nicht nach Freiheit an. Aber wenn es aus Liebe und somit einer freiwilligen Entscheidung entspringt, dann besteht auch im Dienen Freiheit. Es geschieht eben nicht auf irgendeinen Druck hin. Ich kann mich freiwillig dem anderen zuwenden, mich für ihn und seine Bedürfnisse investieren und selbst zurückstecken. Meine Freiheit, die ich durch die Bindung an den Größten in dieser Welt (=Gott) habe, macht das möglich. Aus Liebe zu Gott will ich ihm gefallen – nicht, weil er mich sonst nicht liebt, sondern weil ich ihn liebe und mich „frei und fröhlich“ an ihm ausrichten will.
Ganz eindeutig
Die Sehnsucht nach Freiheit ist also gar nicht so verkehrt – nur suchen wir sie oft nicht da, wo sie zu finden ist! Die Bindung an Gott ist die einzig sinnvolle, die man suchen könnte, da Gott das Großartigste ist, was man sich denken kann. Thomas formuliert es so: „In dir allein, oh, du mein Herr und Gott, kann ich Ruhe finden, weil du das beste, du das höchste, du das mächtigste, du das selbstgenügsamste und reichste, du das lieblichste Wesen und die Fülle des Trostes für alle anderen Wesen, du die Schönheit und die Liebe, du die Heiligkeit und die Herrlichkeit selbst bist“. Es ist ganz eindeutig: Nur in der Bindung an den Richtigen verlieren die Bindungen an das Falsche ihre Macht. Freiheit lebt in an Gott gebundenen Herzen!

