Lebensgeschichte

Ich hab festgemacht bei ihm

Aus der Ausgabe Herbst 2026

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Ich dachte eigentlich, ich kenne Gott. Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, war jeden Sonntag in der Gemeinde und wurde mit 14 Jahren getauft. Deshalb war für mich immer klar: Natürlich kenn ich ihn. Aber – obwohl ich zwar viel über Gott wusste, habe ich ihn doch nicht wirklich gekannt.

Zwei Lebensrealitäten

Gemeinde, Gottesdienste, Kinder- und Jugendgruppen gehörten für mich einfach dazu. Mein Vater ist im Gemeindeleben aktiv, meine Mutter ebenfalls. Auch meine älteren Geschwister haben mir den Glauben von Anfang an vorgelebt. Ich kenne eigentlich kein Leben ohne Gemeinde. Trotzdem hatte ich das Gefühl, in zwei Welten zu leben. Auf der einen Seite der Glaube, auf der anderen mein Alltag in der Schule und mit meinen Freunden. Mit der Zeit wurde dieser Unterschied immer größer und mein Leben entwickelte sich mehr und mehr in eine Richtung, in der Gott kaum noch vorkam. Alkohol, Partys und ein Lebensstil, der sehr auf mich selbst ausgerichtet war, wurden normal. Es ging mir darum, Spaß zu haben, Anerkennung zu finden und einfach den Moment zu leben. Dabei habe ich viele egoistische Entscheidungen getroffen und Menschen verletzt. Wenn ich daran zurückdenke, merke ich, wie oft ich vor allem auf mich selbst geschaut habe. Trotzdem habe ich mich weiterhin natürlich als Christ gesehen, auch wenn mein Leben etwas anderes zeigte.

„Mehr als einmal hatte ich aber sein Vertrauen verletzt, weil mir mein eigener Vorteil wichtiger war als unsere Freundschaft.“

Irgendwann stand ich dann kurz vor dem Abi und habe die Schule abgebrochen. Nicht, weil ich es nicht geschafft hätte, sondern weil ich einfach keinen Bock mehr auf Schule hatte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt auch nicht wirklich, wie es weitergehen soll. In dieser Phase habe ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Westerwald entschieden – eher aus dem Gedanken, etwas Sinnvolles zu machen und mich neu zu sortieren, als aus einem klaren Glaubensschritt heraus.

Er wusste es längst

In diesem Jahr hielt jemand einen geistlichen Impuls zum Thema „Gebet“. Es ging darum, ehrlich vor Gott zu sein, ihm alles zu sagen und nichts zu verschweigen. Danach hatten wir Zeit, in der jeder für sich beten konnte, und am Ende wurde das Lied „Ich laufe zum Vater“ eingespielt. Und in diesem Moment ist bei mir etwas passiert. Während ich dasaß und über mein Leben nachdachte, kamen Erinnerungen hoch. Besonders musste ich an einen Freund denken, der damals mein bester Freund war. Mehr als einmal hatte ich aber sein Vertrauen verletzt, weil mir mein eigener Vorteil wichtiger war als unsere Freundschaft. Auch andere Situationen und Entscheidungen, die ich bereue, kamen in mir hoch. Und auf einmal wurde mir bewusst: Gott wusste das alles längst. Und trotzdem hat er mich nie losgelassen.

„Nicht, weil ich mich angestrengt und zusammengerissen hätte, sondern weil Gott angefangen hatte, mein Herz zu verändern.“

So saß ich da, alleine mit meinen Erinnerungen, und fing an zu weinen. Nicht nur, weil ich diese hässlichen Szenen meines Lebens vor Augen hatte, sondern vielmehr weil ich verstanden hatte, dass Gott mich trotzdem liebt. Dass er nicht erst dann für mich da ist, wenn ich alles im Griff habe, sondern dass er mir schon längst nachgeht, obwohl ich eigentlich ohne ihn unterwegs bin. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was Gnade bedeutet. Mir wurde klar: Es geht nicht darum, dass ich irgendwie religiös bin oder Gott ein bisschen kenne, sondern dass ich ihn brauche. Dass es nicht um Leistung geht und auch nicht darum, ein gutes christliches Leben hinzubekommen, sondern um eine echte Beziehung zu ihm. Und ich erkannte, dass Gott mich schon längst kannte, auch da schon, als ich nie nach ihm gefragt hab, wusste er, wer ich bin. Mich bewegte ein Gedanke, der immer wieder auftauchte. In dem Lied „Reckless Love“ heißt es, dass Gott die 99 Schafe stehen lässt, um das eine zu suchen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger verstand ich, warum Gott ausgerechnet mir diese Gnade schenkt. Warum er mir nachging und mich nicht einfach meinen eigenen Weg hat gehen lassen. Ich hatte doch nichts vorzuweisen. Im Gegenteil. Und trotzdem hat er mich zu sich gezogen.

Ich bin noch nicht fertig

Von da an hat sich mein Leben Schritt für Schritt verändert. Zum ersten Mal habe ich angefangen, regelmäßig für mich selbst in der Bibel zu lesen und zu beten – nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich Gott wirklich kennenlernen wollte. Besonders das Lesen der Apostelgeschichte und der Evangelien hat mich geprägt. Ich habe erlebt, wie Gott mein Herz verändert und wie ich viele Dinge plötzlich anders sehe. Das, was mir vorher wichtig war, verlor nach und nach an Bedeutung. Dafür kam etwas Neues: der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Wahrheit und nach einem Leben mit Gott. Nicht, weil ich mich angestrengt und zusammengerissen hätte, sondern weil Gott angefangen hatte, mein Herz zu verändern.

Das wirkte sich auch im Umgang mit meinen Beziehungen und Freundschaften aus. Mir wurde bewusst, wo ich Menschen verletzt habe, und ich konnte in einigen Situationen auf sie zugehen, mich entschuldigen und Versöhnung erleben. Das war nicht immer leicht, aber es gehörte für mich zu dem dazu, was Gott in meinem Leben verändert hat, es war mir wichtig. Immer wieder muss ich an die Geschichte vom verlorenen Sohn denken, und dabei besonders an die Freude des Vaters, als sein Junge heimkommt. Obwohl der Sohn viel kaputtgemacht und nichts vorzuweisen hatte, empfing der Vater ihn voller Liebe. Genauso habe ich Gottes Gnade erlebt. Ich bin noch mittendrin in diesem Prozess. Ich bin nicht fertig und auch nicht perfekt. Es gibt Rückschläge und Momente, in denen ich merke, dass alte Muster noch da sind. Aber meine Ausrichtung und meine Haltung ist eine andere geworden. Mein Fundament bin nicht mehr ich, sondern Jesus Christus. Ich hab bei ihm festgemacht! Bis heute verstehe ich nicht, warum Gott mir diese Gnade geschenkt hat, aber ich erkenne darin das Evangelium, die Gute Nachricht: Nicht ich habe Gott gefunden, sondern er hat mich nie aus den Augen verloren, hat immer an mir festgehalten und mich zu sich gezogen. Dafür werde ich ihm mein Leben lang danken.

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