Lebensgeschichte

Eine Geschichte der Heimkehr

Aus der Ausgabe Herbst 2026

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Bei der Frage nach meiner persönlichen Bekehrungsgeschichte wird es in mir grau. Dort, wo es doch licht und hell sein sollte. Bedrücktheit erfüllt mich, wo Freiheit und Weite zu erwarten wären. Erst vor kurzem war ich genau hierzu befragt worden und geschickt entging ich einem tiefgründigen Gespräch. Aber offenbar ist sich diese Frage nicht zu schade, weiterhin vorsichtig und hartnäckig an meine Herzenstür zu klopfen, um erneut vorzusprechen. Und: Sie ist es unbedingt und jeden Moment wert, überdacht und beantwortet zu werden. Ich fang mal an.

Mit Plätzchen und Saft

Meine Kindheit fand im Wesentlichen unter dem liebevollen und zugleich streng geführten Regime meiner Großmutter statt. Sie versorgte mich, las mir aus der Kinderbibel vor, lehrte mich beten. Auch war sie meine Begleitung in die Kirche. Während sie den Gottesdienst besuchte, ging ich in die Sonntagsschule. Dort sang ich, hörte Geschichten von Jesus und seiner Liebe zu mir, malte und bastelte, spielte. Es sind viele schöne Erinnerungen, die ich an diese Zeit habe. In meinem Kinderglauben fühlte ich mich sicher und geborgen, unbeschwert, voller Vertrauen und Gewissheit. Eine heile Welt. An besonderen Tagen gab es in der Kinderstunde Plätzchen, die wir in Saft tunken mussten, weil sie so hart waren.

Dass wir einer Gemeinde russlanddeutscher Mennoniten angehörten, die zudem aus Paraguay kamen, spielte für mich damals keine Rolle. Sie alle waren – bedingt durch die Wirren des 2. Weltkrieges – in unterschiedlichem Maße durch die Folgen von Repression, Flucht und Vertreibung, Hunger, Tod und anderem Entsetzlichen, gezeichnet. Erst in den letzten Jahren habe ich begriffen, wie komplex und raumgreifend Geschichte ist, insbesondere wenn vieles ungesagt und nur erspürbar bleibt.

Mit Rissen und Sprüngen

Es war ebenfalls meine Großmutter, die mich zu Beginn der Teeniezeit zu einer Evangelisationsreihe mitnahm. Dort hörte ich zum ersten Mal von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Bekehrung. Aus aufkommender Furcht entschloss ich mich zu diesem Schritt. Worin diese Furcht bestand? Für immer verloren zu gehen. Ob ich mich gerufen fühlte? Ich wünschte es mir so sehr. Ob ich wirklich wusste, was ich tat? Vielleicht hatte ich eine Ahnung. Aber vor allem hatte ich Angst und mein kindlicher Glaube bekam Risse und Sprünge. In einer großen Gruppe wurden Worte eines Übergabegebetes gesprochen. Ich möchte ehrlich sein: wohl fühlte ich mich bei dieser Veranstaltung nicht, eher fremd und befremdet. Die zugesagte Befreiung und Freude blieben aus, an deren Stelle traten eine zunehmende Unsicherheit und Sorge. Anhaltende Zweifel trieben mich zu einer Wiederholung dieser Entscheidung. Es änderte nichts. Innere Ruhe, Zuversicht und Gewissheit stellten sich nicht ein. Ganz im Gegenteil: Je mehr ich suchte und mich mühte – im Gebet, im Lesen der Bibel, im Besuch von Jungschar und Kirche – umso verlorener fühlte ich mich. Das mit Gott und mir, dass sollte wohl nicht sein. Das war etwas für andere.

„Auch wenn ich den Weg ohne Gott weitergehen wollte, so ist Gott den Weg nicht ohne mich gegangen.“

Es ist leichter ohne Gott, so entschied ich. Heute kann ich sagen: Auch wenn ich den Weg ohne Gott weitergehen wollte, so ist Gott den Weg nicht ohne mich gegangen. Es folgten Schulabschluss und Ausbildung, Einzug in die erste eigene Wohnung, Aufnahme eines Studiums und all das Leben dazwischen. Die kommenden Jahre vergingen rasch.

Mit sehr vielen Fragen Mit Lachen und Weinen

„Ich muss früh raus.“ Meine Kommilitonin gähnte herzhaft und trank den letzten Schluck Bier aus ihrem Glas. Die Party neigte sich dem Ende zu und wir waren die letzten Gäste. Nach einer anstrengenden Vorlesungswoche hatten wir tapfer durchgehalten. Zudem war Sonntag und mit natürlichem Selbstverständnis verkündete sie, dass sie gleich in den Gottesdienst ginge. Ich könne ja mitkommen. Perplex sagte ich zu. Dabei fühlte ich die mir vertraute Ausschließlichkeit arg in Frage gestellt: Wie verhielten sich weltliche und geistliche Dimension zueinander? Konnte, nein, durfte es ein Nebeneinander von „Spaß haben“ und Kirchgängen geben? Oder bedingte es sich sogar gegenseitig, um das Leben zu feiern? Auf der Suche nach Antworten begleitete ich sie nach einer „Kirchpause“ von fast 15 Jahren. Dieser Aufbruch fiel zusammen mit dem Ende meines Medizinstudiums. Ich war zunehmend in Kliniken eingesetzt und erinnere mich an eine junge Mutter, die gerade ihr Baby entbunden hatte und unheilbar an Krebs erkrankt war. Hier hörte die kurative Medizin auf und andere große Lebensfragen schoben sich in den Vordergrund: „Warum all das? Was kommt nach dem Tod?“ Was würde ich antworten können? Welche Haltung hatte ich selbst zum Leben und zum Sterben? Was glaubte ich? Eingeholt von der Vergangenheit merkte ich, dass da noch immer ein großes Fragezeichen an meiner eigenen Ewigkeit stand.

Spätestens mit der Geburt meiner Töchter endete der vermeintliche Alleingang und weitere Fragen wurden laut: Wie wollte ich sie erziehen? Was zählte wirklich? Welche Werte waren wichtig? In Erinnerung an die Geborgenheit meiner Kinderzeit kehrte ich zur Ursprungsgemeinde zurück. Und da mir gerade rückblickend bewusst wurde, wie Gott unbeirrt all diese Jahre gemeinsam mit mir unterwegs gewesen war – oft ungefragt und nicht beachtet, mich dennoch haltend und tragend – schien mir die Entscheidung einer erneuten Bindung an ihn als natürlicher, ja logischer Schritt. Aber: alle Zweifel und Unsicherheiten, die mich je begleitet hatten, nahm ich ebenfalls mit. Einige Zeit später ließ ich mich taufen.

Nach vielen Jahren passte es nicht mehr. „Such Dir eine Gemeinde, in der Du im Glauben wachsen kannst.“ Dieser Rat wurde mir gegeben, als ich erneut durch die Gemeindelandschaft mäanderte. Leichter gesagt als getan. Mindestens so groß wie die Auswahlmöglichkeiten war meine Angst, das zu verlieren, von dem ich bislang angenommen hatte, dass es richtig und wichtig sei, mir Halt und Orientierung böte, Weg und Wahrheit wäre. Der Verlust der Glaubenssätze führte zu einer schmerzenden Leere und erschreckenden Fremdheit, die ich so bisher nicht kannte.

„Meine Identität liegt in Gott.“ Klar und bestimmt sagte meine jüngere Tochter diesen Satz am Tag ihrer Taufe. In seiner schlichten Aufrichtigkeit hat er sich seitdem tief eingeprägt. Ist das nicht alles, was zählt? In meiner Not begann ich mit zunehmender Regelmäßigkeit eine Gemeinde mit zugehörigem Hauskreis zu besuchen. „Begeistert von Jesus. Leidenschaftlich. Miteinander. Einladend!“ so lautet der Leitwert des Ortes, den ich seitdem – noch vorsichtig – als ein Zuhause betrachte. Spürbar vorbehaltlos wurde ich angenommen, durfte kommen, wie ich bin und erfahre einen lebendigen Glauben, der sich nicht aufdrängt.

Schritt für Schritt füllen sich seitdem meine inneren Räume: mit Menschen und Begegnungen, zusprechenden Worten und mutmachenden Liedern, Lachen und Weinen, neuen Erfahrungen und gutem Vertrauten, vielen Fragen und noch mehr Antworten. Hier wohne ich mit Gott. Und ich stelle fest: mein tiefstes Sehnen liegt nicht im Suchen, sondern im Gefundenwerden. Ich möchte die wertvolle Perle sein, für die der Kaufmann alles hergibt. Oder das strubbelige und zerzauste, oft eigensinnige „Aber“und „Ich schaff das“-Schaf, das dem Hirten immer wieder verhedderte Situationen vorlegt, um zu fragen, was er daraus machen will. Und der Sohn, der in seiner Bedürftigkeit jeden Tag aufs Neue voller Vertrauen den Heimweg in die weit ausgebreiteten Arme des Vaters antritt.

Mit Licht und Liebe

Erst seit Kurzem wage ich es, am Abendmahl teilzunehmen. Zuvor war ich meist im entscheidenden Moment gegangen oder gar nicht erst zum Gottesdienst erschienen. Es widersprach mir zutiefst, entgegenzunehmen, von dem ich meinte, dass ich es nicht verdient hätte. Dieser selbstauferlegte Ausschluss war ein Knackpunkt, der sich mit energischem Wollen allein nicht gut auflösen ließ. Ich musste regelrecht üben, die immer wieder ausgesprochene Einladung anzunehmen. Nun freue ich mich und staune, wenn ich in der gewonnenen Gemeinschaft in Verbundenheit im Altarraum stehe und die Hände öffne, um mich dankbar beschenken zu lassen: mit Licht und Liebe, Freiheit und Weite, Hoffnung und Zuversicht, Vergebung und Versöhnung, Geheimnissen und Überraschungen. Mit Brot und Wein. Und bestimmt auch mit Plätzchen und Saft.

Dr. med. Melanie Niehaus

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