Kolumne

Sie zwingt uns, neu zu denken

Aus der Ausgabe Herbst 2021

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Man sagt uns Deutschen ja nach, dass wir ordnungsliebend sind. Ein bisschen stimmt das vielleicht sogar. Es gibt bei uns Versicherungen gegen jede Form des Unbills. Und es gibt sogar Versicherungen für Versicherungen. Wir haben es gerne klar geordnet. Und wir wissen gerne, was passiert. Unvorhergesehene Dinge sind nicht so unsere Sache. Ungewissheit, Unordnung oder gar Chaos: Wer mag das schon?

 

Das haben wir ja prima hingekriegt

Und ist da der liebe Gott nicht an unserer Seite? Schließlich schuf er selbst eine sogar göttliche Ordnung: seine Schöpfung. Lassen wir mal beiseite, dass wir als seine Kinder diese Schöpfung aktuell ganz schön in Unordnung bringen. Fast so wie die Kinder im Kinderzimmer bei uns zuhause. Anders als die Eltern schaut er aber geduldig zu – und aufräumen müssen wir das selbst angerichtete Chaos vom Klimawandel, dem Raubbau an Ressourcen, der Verschwendung auf der einen und dem Hunger in der Welt auf der anderen Seite offensichtlich selbst.

 

Ist doch aller halb so wild

Gott allein weiß, wie anstrengend es war, diese Ordnung zu schaffen. Wir können es ja in der Bibel nachlesen. Am Anfang – so heißt es im ersten Buch der Heiligen Schrift – war die Welt wüst und wirr. „Finsternis lag über der Urflut, aber Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht.“ In seiner in der Schöpfungsgeschichte nachzulesenden Ordnung hat alles und jedes seinen Platz. Fast so wie bei uns zu Hause. Und wenn der Schlüssel für die Garage nicht an Ort und Stelle liegt, dann geht das Suchen los. Ordnung halten ist also im Sinne Gottes. Also gar nicht so schlimm, dass wir gerne an Vertrautem festhalten und eine Veränderung, die automatisch Unordnung mit sich bringt, ablehnen. Oder?

„Der Unordnung in unserem Leben können wir außerdem gelassen begegnen, denn egal, wie groß das Chaos ist: Gott ist ja immer an unserer Seite.“

Provozieren konnte er schon immer gut

Naja. Wenn ich das „Nach vorne“ denke, dann fehlt da was. Ordnung bedeutet ja, ehrlich gesagt, auch, dass es ein bisschen langweilig ist. Nichts Aufregendes passiert. Und das von mir skizzierte Gottesbild ist auch nicht korrekt. War es nicht Gott selbst, der die Welt in Unordnung gebracht hat, als er seinen eigenen Sohn auf die Erde schickte? Ist die frohe Botschaft, die Jesus Christus uns mit auf den Weg gegeben hat, nicht bis heute auch ein Quell des Ärgernisses, der Provokation, eine Zumutung für viele – alleine, weil sie uns permanent unsere eigene Unzulänglichkeit vor Augen hält und klar macht, dass die Ordnung keinen Bestand haben wird. Sie wird immer wieder gestört. Und heißt es nicht außerdem „Wer Ordnung hält, der ist nur zu faul zum Suchen“?

 

 

Na komm, erst mal ruhig durchatmen

Unordnung ist also gar nicht automatisch schlecht. Sie zwingt uns, neu zu denken. Und wenn wir sie beseitigen wollen, dann sind wir gefragt. Wir müssen anpacken, Ideen entwickeln, Mut haben, uns neu entdecken. Wer nur daneben steht, wer nur schimpft oder meckert, der wird der Unordnung nicht Herr. Und genau das will Jesus doch eigentlich von uns: Dass wir die Welt nicht nehmen, wie sie ist, kopfschüttelnd oder achselzuckend, sondern, dass wir uns verantwortlich fühlen, sie besser zu machen. Der Unordnung in unserem Leben können wir außerdem gelassen begegnen, denn egal, wie groß das Chaos ist: Gott ist ja immer an unserer Seite. Er sieht uns.

 

Ganz schön neugierig

Ich habe gerade umgebaut. So viel Unordnung hatte ich in meinen eigenen vier Wänden lange nicht mehr. Aber es war eine gute Gelegenheit, sich von überflüssigen Dingen zu trennen und andere wiederzufinden. Manche Erinnerung ist dabei wachgerüttelt worden. Und neue Ideen hatte ich auch. Jetzt, wo sich alles wieder sortiert hat, weiß ich wieder, was an welchem Platz zu finden ist. Ordnung ist doch das halbe Leben! Aber die von und bei mir zu Hause geschaffene Ordnung wird nicht lange halten, denke ich. Das ist auch nicht schlimm. Die andere Hälfte des Lebens ist nämlich die, auf die Jesus uns Lust macht: Immer wieder neugierig zu sein, zu fragen, sich zu verändern, zu entwickeln und vielleicht auch, ihm nachzufolgen. Und das führt über Stock und Stein. Lassen wir uns darauf ein.

Peter Tauber

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