Rat für den Alltag

Das Chaos muss weg

Aus der Ausgabe Herbst 2021

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„Ordnung ist das halbe Leben!“ oder „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen!“ Was stimmt denn nun? Was bevorzugen Sie? Um unterschiedliche Bedürfnisse von Menschen zu erfassen, ist es hilfreich, auf eine Typologie zurückzugreifen, mit der diese Phänomene nachvollzogen werden können.

 

Menschen und Marotten

Gewissenhafte Menschen lieben Ordnung. Sie ordnen fasst alles! Dabei sind sie stark auf die jeweilige Aufgabe ausgerichtet. „Ich möchte mich ständig verbessern, weil eh nichts perfekt ist!“, so könnte man ihr Motto zusammenfassen. Sie bevorzugen es, alleine zu arbeiten, weil dies sie vor den Fehlern anderer Menschen schützt. Denn was sie tun, soll möglichst perfekt sein und ein richtiger, wichtiger Beitrag werden. Menschen mit weniger Ordnungsliebe nennen sie auch schon mal pedantisch und fühlen sich von ihnen deshalb ausgebremst.

 

Ebenso suchen Menschen mit stetigem Verhalten Ordnung. Das hilft ihnen, bedachtsam und kontinuierlich zu arbeiten. Sie sind allerdings beziehungsorientiert und den Menschen zugewandt. Am liebsten haben sie wenige, dafür aber enge und langfristig ausgerichtete Freundschaften. Wem Ordnung nicht so wichtig ist, erlebt das leicht als unflexibel und stur.

 

Anders sind Menschen mit dominant-direktem Verhalten. Ihnen ist Ordnung nur dann wichtig, wenn es ihrem Ziel dient. Darauf steuern sie dann direkt und schnell zu. Ihr hohes Selbstvertrauen und ihr hohes Lebens- und Arbeitstempo hilft ihnen, möglichst viele Ziele gleichzeitig zu erreichen. Wenn Ordnung dem Ziel dient, schätzen sie diese, wenn nicht, bewerten sie Ordnung schnell als überflüssig oder gar kleinkariert. Ordnungsliebende Menschen werden allerdings schon allein die Menge der zugleich angestrebten Ziele schnell als Chaos bewerten.

 

Initiativ-beeinflussenden Menschen ist Ordnung eher unwichtig. Sie lieben ihr kreatives Chaos. Sie leben nach dem Motto: „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen!“ Sie selbst finden sich in ihrem Chaos zurecht und darauf sind sie stolz. Sie geben fast jederzeit Menschen den Vorzug und leicht entsteht der Eindruck, sie seien fast immer in Partylaune. Beziehungsorientiert und spritzig knüpfen sie ständig neue Kontakte. Dafür brauchen sie Freiraum, der durch zu viel Ordnung schnell als Einengung erlebt wird. Menschen, die andere Erwartungen an Ordnung haben, finden das eher mühsam.

„Müssen Sie alles aufheben? Passt die Menge Ihrer Gegenstände in Ihre Wohnung, in Ihren Kleiderschrank, in Ihre Werkstatt, in Ihre Küche?“

Da kann es schon mal knallen

In den ersten Ehejahren hatten mein Mann und ich öfter Konflikte, weil wir unterschiedliche Erwartungen an die Ordnung in unserer Wohnung hatten. Wenn ich, voll berufstätig, die Wohnung aufgeräumt hatte, dann, so war meine Vorstellung, sollte das möglichst lange so bleiben. Mein Mann, Student, liebte es, die entfaltete Zeitung so liegen zu lassen, dass er bei nächster Gelegenheit (am gleichen oder nächsten Tag) darin weiterlesen konnte. Mein Ordnungsempfinden stand gegen sein Empfinden von Vernunft. Etwas anderes ist es im Berufsalltag. Vielleicht kann man sich einigen, welche Wichtigkeit Ordnung hat. Als Krankenschwester habe ich allerdings gelernt: Im Notfall muss jeder Griff zu einem lebensrettenden Gegenstand möglichst blind erfolgen können. Man stelle sich nur vor, wenn man diese Gegenstände zuerst suchen müsste. Auch bei automatisierter Arbeit ist Ordnung wichtig. Denn man sollte, ohne hinzusehen, jederzeit die Dinge greifen können, die man braucht. Wer zusammen mit anderen Menschen arbeitet, muss sich manchmal auf ein Ordnungsminimum einigen. In unserem Büro teilen sich zwei Mitarbeiterinnen einen Arbeitsplatz. Wenn sie unterschiedliche Sortierungen hätten, würde viel Arbeitszeit mit Suchen vergeudet. Dennoch bleibt genügend Spielraum, um die Arbeitsvorgänge individuell zu gestalten. Spannend wird das Zusammenleben und -arbeiten dann allerdings in stressigen Situationen. Zunächst wird jeder Verhaltensstil seine jeweilige Stärke überziehen. Ordnungsliebende werden also noch ordentlicher und Menschen, denen Ordnung weniger wichtig ist, werden – gemäß ihrer Priorität – Ordnung untergeordnet sehen. Häufig werden dann die jeweils anderen konfrontiert und ein Konflikt ist vorprogrammiert.

 

Man kann sich leicht was einreden

Einige Selbstreflexionsfragen helfen die Situation zu bewerten: Weshalb ist mir Ordnung jetzt so wichtig? Wieso muss mein Ordnungsempfinden verwirklicht sein? Wieso reagiere ich so emotional auf das Verhalten anderer? Ich habe immer wieder Gespräche, in denen Menschen in einem längeren Prozess feststellen: „Wenn andere meine Ordnungsliebe übergehen, dann stört das meinen Selbstwert. Bei mir kommt dann an: `Du bist es nicht wert, dass ich dir zuliebe Ordnung halte´.“ Man kann sich leicht vorstellen, dass das Miteinander dann erheblich gestört ist.

 

Manche Menschen könnten sich allerdings überlegen, wie sie mehr äußere Ordnung in ihr Leben bringen können. Müssen Sie alles aufheben? Passt die Menge Ihrer Gegenstände in Ihre Wohnung, in Ihren Kleiderschrank, in Ihre Werkstatt, in Ihre Küche? Eine „Ordnungsfee“ erzählte mir vor einiger Zeit, in manchen Küchen könnte man allein 25 Ölflaschen und 30 verschiedene Essigflaschen finden. Natürlich sei dann der Schrank zuerst zu voll und dann zu klein. Ein Freund von uns liebt, zum Leidwesen seiner Frau, das Sammeln von Werkzeug. Natürlich können die meisten Leute, wie er auch, einen nachvollziehbaren Grund dafür nennen. Aber, Hand aufs Herz, wie viele eckenfüllenden Einzelteile brauchen sie häufiger als einmal im Jahr?

 

Ganz ehrlich?

Persönlich habe ich übrigens viel im Alltag mit vier heranwachsenden Kindern gelernt und dann noch einmal mehr, als ich wieder berufstätig wurde. Meine Ordnungsvorstellungen im Haushalt waren einfach nicht mehr zu verwirklichen. Um umdenken zu können, habe ich mich gefragt: „Ist jemals ein Unfall passiert, weil der Haushalt nicht so ordentlich war, wie du ihn haben wolltest? Ist jemals ein Mitglied der Familie deshalb erkrankt?“ Als ich beide Fragen mit „Nein“ beantworten konnte, wurde ich gelassener. Heute, mein Mann und ich leben wieder alleine, lassen wir beide mal was liegen, beide sorgen wir für Ordnung, jeder räumt mal hinter dem anderen her und manche Dinge bleiben einfach liegen. Und das Leben ist erheblich entspannter!

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