Kolumne

Schau deine Hände an

Aus der Ausgabe Herbst 2026

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Über 100 Menschen saßen im Mai 2024 im Saal unserer Trendwechsel Konferenz, und dennoch hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Als Anu George Canjanathoppil gefragt wird, was wir denn von Deutschland aus tun können, um moderne Sklaverei zu beenden, beginnt sie ihren Satz mit: „Schaut euch eure Hände an.“ Was folgte, war ein leidenschaftliches Plädoyer, in dem zum Ausdruck kam, welch enormes Potenzial jeder Mensch besitzt.

Und dass wir unsere Gaben und Fähigkeiten dafür nutzen können, um diese Welt tatsächlich zu einem besseren Ort zu machen.

Dass gerade Anu mich und viele andere Menschen an diesem Tag an unsere gottgegebenen Möglichkeiten erinnert, grenzt an ein Wunder. Denn sie wurde zu einer Zeit in Indien geboren, in der es alles andere als vorteilhaft war, als Mädchen zur Welt zu kommen. Anu selbst beschreibt es so: „In meinem Land galten Mädchen damals in der Gesellschaft als zweitklassig, als Belastung, als Weg in den finanziellen Ruin – bis zu dem Punkt, an dem der Kindermord an Mädchen tatsächlich als normal galt.“ Gott sei Dank war das in Anus Familie anders. Ihre Eltern waren, so sagt sie, „fest entschlossen, zu zeigen, dass ein anderer Weg möglich war: Dass Töchter den Söhnen in nichts nachstehen und alle nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind.“

Was diese Sichtweise, Erziehung und Haltung ihrer Eltern hervorgebracht hat, lässt mich einfach nur staunen: Anu ist nicht nur eine unglaublich inspirierende Rednerin, Mutter von Zwillingen, gefragte Leiterschaft-Expertin, Tik- Tokerin und Autorin, sie hat auch ihre Gaben und Fähigkeiten genutzt, um tausenden Menschen die Freiheit zu ermöglichen. Als IJM-Programmleiterin in Südasien und spätere CEO von IJM Kanada hat sie sich über 16 Jahre hinweg für diejenigen eingesetzt, deren Potenzial von anderen mit Füßen getreten wurde und wird: Menschen, die unter moderner Sklaverei, Gewalt und Menschenhandel leiden. Unter ihrer Leitung konnten tausende von ihnen befreit und mehr als 17.000 Fachkräfte geschult wurden.

Für mich war die Begegnung mit Anu eine der beeindruckendsten, die ich bis heute erleben durfte. Ihr Appell, mir meine Hände anzuschauen und über meine Möglichkeiten und Fähigkeiten nachzudenken, begleitet mich noch heute, zwei Jahre nach der Trendwechsel Konferenz. Ich meine, wir sollten das alle mal tun. Jetzt. Und immer wieder neu.

Marius Hommel

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