Rat für den Alltag

Kann man das in Ordnung bringen?

Aus der Ausgabe Frühling 2026

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Die geschichtliche Ordnung

Die Bibel kennt chaotische Menschen – und sie redet erstaunlich offen über sie. Sie zeichnet kein idealisiertes Bild von heilen Gemeinschaften, sondern zeigt Menschen mit Brüchen, Unsicherheiten, Überforderungen und ungeordneten Herzen. Gott begegnet ihnen allen, von Anfang an, auch wenn sie Unruhe stiften, Grenzen überschreiten oder schwer auszuhalten sind. Dennoch bleibt Gott mit ihnen im Gespräch, im Rufen, im Wirken. Entscheidend ist: Gott lässt sich nicht vom Chaos abschrecken – aber er übernimmt auch nicht automatisch die Rolle des Problemlösers. Zwischen Nähe und Konfrontation, Geduld und Klarheit zeigt Gott einen Weg, der für uns zum Vorbild werden kann.

Mangel an Sicherheit 

Zwischenmenschliches Chaos entsteht selten zufällig. Theologisch leben wir alle in einer gebrochenen Welt. Manche tragen diese Brüche sichtbar, andere verborgen. Dahinter stecken oft unverarbeitete Erfahrungen oder Traumata, erlernte ungesunde Beziehungsmuster, mangelhafte emotionale Selbstregulation, tiefe innere Unruhe oder Angst, ein Mangel an Sicherheit, Annahme oder Selbstwert. Dabei wird ein zentraler Punkt oft übersehen: Chaos wirkt ansteckend. Wenn wir dauerhaft ungefiltert mit chaotischen Menschen zusammen sind, wird unser eigenes Herz unruhig. Wir werden erschöpft, hart, misstrauisch oder überfordert. Darum stehen zwei biblische Aussagen bewusst nebeneinander: „Tragt einander Lasten“ (Galater 6,2) und „Jeder wird seine eigene Last tragen“ (Galater 6,5). Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich eine reife Beziehung. Die Last des anderen mitzutragen ist Liebe. Die Last des anderen zu übernehmen ist Anmaßung – und führt oftmals in einen Burnout.

„Die Last des anderen mitzutragen ist Liebe. Die Last des anderen zu übernehmen ist Anmaßung – und führt oftmals in einen Burnout.“

Das Dramadreieck

Menschen geraten – oft aus gutem Herzen – in die Rolle des Retters. Sie wollen heilen, schlichten, ordnen, Frieden schaffen. Doch nicht selten entspringt dieser Wunsch dem eigenen Bedürfnis nach Kontrolle, Harmonie oder Selbstbestätigung. Chaos macht unsicher, und Unsicherheit verleitet dazu, alles „richten“ zu wollen. Doch die Bibel zeigt: Selbst Jesus hat nicht einfach alle Menschen, denen er begegnet ist, sofort und umfassend wiederhergestellt. Er begegnete ihnen mit Würde und Freiheit, stellte Fragen, hörte zu und übergab ihnen Verantwortung für ihr Leben. Viele der zwischenmenschlichen Verstrickungen folgen aber unbewussten psychologischen Mustern. Das sogenannte „Dramadreieck“ beschreibt drei Rollen, die sich in Konflikten ständig die Hand reichen: Opfer, Täter, Retter. Wer mit schwierigen Menschen zu tun hat, rutscht besonders leicht in die Rolle des Retters. Der löst Krisen, besänftigt Stimmungen, trägt Lasten anderer – und verliert dabei sich selbst aus dem Blick. Die Lebensunordnung des anderen zieht ihn hinein, und er beginnt unbemerkt, das Leben der anderen zu managen. Doch das Entscheidende am Dramadreieck ist: Es sieht zwar nach Hilfe aus, ist es aber nicht. Es ist ein immer wieder-kehrender Kreislauf, der niemanden zu nachhaltiger Freiheit führt.

Echtes Empowerment

Das Opfer bleibt Opfer, weil es immer Ursachen gibt, die einen Retter benötigen, der einem die Verantwortung abnimmt. Der Täter bleibt Täter, weil niemand echte Grenzen zieht. Der Retter bleibt Retter, weil er sich nur gebraucht fühlt, solange er Probleme anderer löst. So entsteht aber keine Veränderung, sondern eine Art emotionales Karussell, in dem sich ständig rotierend die Rollen abwechseln. Unruhe wird nicht beendet, sondern etabliert. Das Gegenmodell zum Dramadreieck ist das sogenannte Empowerment-Dreieck. Es beschreibt, wie dieselben Rollen sich transformieren, wenn Verantwortung, Klarheit und Freiheit ins Spiel kommen. Das Opfer wird zum Gestalter: An die Stelle des Gedankens „Ich kann nicht“ tritt die Haltung „Ich habe Handlungsmöglichkeiten“. Die Herausforderungen bleiben bestehen, doch der Mensch nimmt seine Verantwortung an und erkennt, dass er aktiv Gestalter in seinem Leben ist. Der Täter (beziehungsweise die Ursache) ist nur eine Herausforderung: Es werden destruktive Muster benannt, ohne zu verurteilen – in derselben Haltung, mit der Jesus Sünde anspricht, aber nie den Menschen aufgibt. So kann jede Herausforderung bewältigt werden. Und der Retter wird zum Förderer: Statt Verantwortung zu übernehmen, stärkt der Förderer den anderen. Statt zu kontrollieren, wird unterstützt. Statt zu kompensieren, macht der Förderer Mut. Das ist Liebe ohne Vereinnahmung. 

Verantwortung und Weisheit

Wir dürfen lieben – aber nicht kontrollieren. Liebe manipuliert nicht. Liebe übernimmt nicht die Steuerung für den anderen, Liebe sucht nicht das Ihre (1. Korinther 13,5). Wir können anderen Nähe schenken, ohne ihnen die Verantwortung zu entziehen. Wir können präsent sein und unterstützen, aber wir können niemanden ersetzen oder dessen Aufgaben übernehmen. Wir dürfen Grenzen setzen – aber nicht herzlos sein. Grenzen zu setzen kann eine geistliche Handlung sein, denn Grenzen schützen sowohl uns selbst als auch andere. Sie sind Ausdruck geistlicher Reife und verantwortungsvoller Weisheit. Und wir dürfen geduldig sein – aber keine Endlosschleifen zulassen. Geduld bedeutet nicht, ohne Aussicht auf Veränderung zu leiden.

Menschen, die Unruhe bringen, sind übrigens keine Störfaktoren im göttlichen Plan. Sie sind Teil unserer Welt – und oft Spiegel unserer eigenen Grenzen. Gott fordert uns nicht auf, jedes Chaos zu beseitigen. Stattdessen lädt er uns ein, zu lernen. Zwischen Nähe und Distanz, zwischen Mitgefühl und Klarheit, zwischen Mittragen und Loslassen. In all dem bleibt Gott derselbe: ein Gott, der Chaos nicht fürchtet – und aus Unordnung neues Leben schaffen kann.

Mathias Hühnerbein

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