Rat für den Alltag

Kindern eine Zukunft geben

Aus der Ausgabe Frühling 2026

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Eigentlich sind die Strassen hier in Indien gar nicht so schlecht, denke ich bei meinem letzten Projektbesuch im Südosten des Landes. Unser Ziel ist eine von 58 Siedlungen, die von der Sozialstiftung Contactions unterstützt werden. Dort leben jeweils zwischen 20 und 60 Kinder aus sogenannten nomadischen Stämmen. Aus Gemeinschaften mit eigener Kultur und langer Geschichte, die bis heute am Rand der Gesellschaft stehen und von großer Armut geprägt sind. Für das letzte Stück Strecke verlassen wir die Küstenautobahn und holpern über eine sandige Piste. Unter Kokospalmen tauchen einfache Hütten auf, mit Dächern aus getrockneten Bananenblättern, der Boden drumherum ist übersät von Müll.

Gebt ihnen zu essen

Von den 30 Kindern ist zunächst nichts zu sehen. Erst hinter einer Betonwand öffnet sich ein Innenhof – und mit ihm lauter Jubel. Die Kinder drängen sich um uns, freuen sich über neue Schulrucksäcke und einen kleinen Snack. In diesem Moment wird der Satz Jesu für mich greifbar: Gebt ihr ihnen zu essen. Vor mir stehen Kinder, die eigentlich nichts zum Lachen haben. Jothika ist eines von ihnen. Alkohol, Schulden und fehlende Bildung prägen den Alltag ihrer Familie. Ihre Zukunft scheint vorgezeichnet: frühe Heirat, Gelegenheits-arbeit, kaum Perspektive. So wie für viele Kinder in diesem emotional und sozial zerbrochenen Umfeld.

Um Kindern wie Jothika zu helfen, haben wir vor 30 Jahren das Programm „Malar“ gestartet, das heißt so viel wie „Blume“. Es verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: monatliche Nahrungspakete sichern den Schulbesuch, Bildung steht im Zentrum. Ehrenamtliche Mentoren aus lokalen Kirchen geben täglich Nachhilfe, ergänzt durch Gesundheitsaufklärung, Hygienepakete und die Begleitung durch ein Pflegeteam. Ebenso wichtig ist die Sensibilisierung für die Gleichstellung von Mädchen und Jungen. Entscheidend aber ist die persönliche Begleitung in Coaching, Elterngesprächen und Hilfe in Konflikten.

Mich motiviert dabei, was Paulus so formuliert: Die Liebe Christi drängt uns (2. Korinther 5,14). Immer, wenn ich diesen Kindern begegne oder an sie denke, ist diese Liebe einfach da – fast wie auf Knopfdruck. Diese Liebe begegnet mir besonders deutlich, wenn ich Menschen treffe, die unser Programm erfolgreich durchlaufen haben und heute mitten im Leben stehen – so wie Madhavan und Jeevitha. An unserem Teenie-Tag stehen sie vor den Jugendlichen und erzählen von ihrem Weg. Es sind keine einstudierten Worte, sondern ehrliche Zeugnisse. Als ich später noch lange mit ihnen zusammensitze und sie mir ihre Geschichte im Detail erzählen, spüre ich: Uns verbindet mehr als ein gemeinsames Projekt. Es ist jene Liebe Christi, die Menschen aufrichtet und Wege öffnet.

„Am meisten hat es mich geschmerzt, andere Kinder mit ihren Müttern zu sehen, während ich selbst von meiner Mutter verlassen wurde.“

Zu viert in einer Hütte

Beide sind in bitterer Armut aufgewachsen. Madhavan war erst neun Jahre alt, als seine Mutter die Familie verließ. Von einem Tag auf den anderen fehlte nicht nur die Mutter, sondern auch jede Sicherheit. Der Vater schickte ihn und seinen Bruder zum Angeln, damit es überhaupt etwas zu essen gab. Rückblickend sagt Madhavan leise: Wir lebten zu viert in einer kleinen Hütte. Viele Verletzungen von Motorradunfällen sind inzwischen verheilt. Aber am meisten hat es mich geschmerzt, andere Kinder mit ihren Müttern zu sehen, während ich selbst von meiner Mutter verlassen wurde.

Als ich ihn frage, was das Programm für ihn verändert habe, beginnen seine Augen zu leuchten. Das Wertvollste waren mein Mentor und seine Frau, sagt er, ohne zu zögern. Sie waren wie Eltern für mich. Sie haben nicht nur an mich geglaubt, sondern auch die Kosten für meine Ausbildung übernommen. Durch sie habe ich auch zum ersten Mal von Jesus und von Gottes Liebe gehört. Heute ist Madhavan verheiratet, Vater von zwei Kindern – und Manager in einer Bank. Sein Leben erzählt davon, was möglich ist, wenn ein Kind nicht aufgegeben wird.

Kein Geld mehr übrig

Auch Jeevithas Geschichte ist geprägt von Mangel und Kampf. Ihr Vater arbeitete als Ziegen- und Schweinehirte, Schulden brachten die fünfköpfige Familie immer tiefer in Not. Meine Eltern konnten meinen Bruder und meine Schwester unterstützen, mich aber nicht, erzählt sie. Als jüngstes Kind musste ich um eine höhere Ausbildung kämpfen. Diese Kämpfernatur ist Jeevitha bis heute geblieben. Vor mir steht eine junge Frau, die genau weiss, wohin sie will. Mein kurzfristiges Ziel ist es, Teamleiterin in unserer IT-Firma zu werden, sagt sie selbstbewusst. Langfristig möchte ich Managerin in einem Unternehmen sein. Auf die Frage, was ihr das Programm bedeutet habe, antwortet sie nach kurzem Nachdenken: Es hat mir von Anfang an das gegeben, was sich meine Eltern für mich nicht leisten konnten.

Zum Schluss richtet sie ihren Blick über die eigene Geschichte hinaus. Mit ruhiger Stimme bedankt Jeevitha sich bei den Unterstützerinnen und Unterstützern aus Deutschland und der Schweiz, ohne dass ich sie danach gefragt hätte: Es gibt so viele Kinder, die Hilfe brauchen – in ihrer Ausbildung und in ihrer emotionalen Entwicklung. Ich wünsche mir, dass Sie diese Arbeit fortsetzen, ihnen Bildung ermöglichen, gute Arbeitsplätze eröffnen und ihnen eine bessere Zukunft schenken.
 

Bibelstellen

Andreas Link

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