Kolumne

Gerechtigkeit. Und Frieden!

Aus der Ausgabe Winter 2024

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Mittagspause in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands. Wir sind durch die Nacht geflogen, ein Schläfchen täte gut – doch aufgeregte Stimmen schwirren durch das ganze Hotel. Im Foyer und auf dem Hof findet eine Wahlveranstaltung statt, hochrangige Politiker sind im Haus. Was uns erstaunt: Es sind kaum Sicherheitskräfte dabei. Wie kommt das? Wir denken an das übrige Somalia, das von Terror und Korruption beherrscht wird und in dem du dich als weißer Westler nicht alleine auf die Straßen traust. „Nun“, erklärt uns ein einheimischer Mitarbeiter, „wir haben eine Regierung, die versucht, möglichst viele Stämme miteinzubinden, die besonders auf dem Land traditionell einen großen Einfluss haben. Das führt weitgehend zu Sicherheit und Frieden.“

Frieden sichern

Am ganzen Horn von Afrika herrscht eine humanitäre Krise, die von der Welt nur noch wenig beachtet wird. Allein in Somaliland waren infolge der Dürre 2022 mehr als 800.000 Menschen auf Nothilfe angewiesen – das ist ein Viertel der Bevölkerung. Internationale Organisationen, darunter auch Tearfund Deutschland und federführend das Welternährungsprogramm, haben Projekte aufgesetzt und schnell geholfen. Unterstützt von Politikern und Partnern vor Ort. Während in Äthiopien oder dem übrigen Somalia Rebellen die Situation ausnutzten und Bürgerkriege drohten, lief die Hilfe in Somaliland sehr professionell – und fast überall friedlich. Bei allen Vorbehalten, die man hinsichtlich Korruption, Vetternwirtschaft, der Unterdrückung von Minderheiten und dem Mitspracherecht der Parteien in Somaliland haben kann (und muss), lässt sich festhalten: Man kann überall etwas lernen. In diesem Fall: Wer Menschen beteiligt, der hilft, den Frieden in seinem Land zu sichern. Bereits der Philosoph John Rawls hat Gerechtigkeit als Fairness beschrieben und meinte damit: Es ist fair, wenn alle Menschen die gleiche Möglichkeit auf Teilhabe und Repräsentanz haben.

„Ich will hören, was Gott, der HERR, zu sagen hat: Er verkündet Frieden.“

Zu wenig erklärt?

Damit zurück nach Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Wir sprechen schon lange von einer Spaltung in unserem Land: zwischen West und Ost, zwischen „Protestwählern“ und „Demokraten“. Der gesellschaftliche Friede ist gefährdet, und das liegt ganz gewiss nicht (allein) an den „Migranten“, wie es in den Debatten nach den Wahlen im September den Anschein haben könnte. Und nein, es liegt auch nicht daran, dass man im Osten die Politik „zu wenig erklärt bekommen habe“, wie manche Politiker an den Wahlabenden in die Mikrophone der Journalisten diktierten, auch wenn der Duktus das selbstkritische „wir haben unsere Politik zu wenig erklärt“ enthielt. Es könnte ja auch sein, dass die Wähler diese Politik sehr wohl verstanden haben – und sie genau deshalb anders gewählt haben. An dieser Stelle ein kurzer Zwischenhalt: Ich möchte hier nicht in das große (An-)Klagelied derjenigen einstimmen, die die sogenannten „Altparteien“ (und ihre „Systemmedien“) unter Generalverdacht stellen. Das ist billig und populistisch und ziemlich durchschaubar, denn es dient vor allem dazu, sich eigene Erfolge zu sichern. Auch wird es den Verantwortlichen, die um Antworten ringen, nicht gerecht. Und ganz sicher will (und werde) ich keine Wahlempfehlung abgeben.

Offen sprechen

Was ich aber möchte: den Blick auf den Zusammenhang von teilhabender Gerechtigkeit und Frieden lenken. Wer Spaltung überwinden möchte, muss die wirklichen Probleme wahrnehmen, und das heißt Teilhabe ermöglichen, also Gesprächsangebote schaffen, bei denen Menschen offen sagen können, was sie bedrückt. Und da gibt es einen Unterschied in Ost und West: In der DDR war man nicht frei, seine Meinung zu sagen – und jedes tatsächliche oder gefühlte Verbot, bestimmte Ansichten zu haben, und jede Bevormundung sind den Menschen verdächtig. Nicht umsonst sind es gerade die sogenannten Protestwähler, die gerne den Satz benutzen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

„Ich spürte, wie ich neue Energie bekam und mein inneres und äußeres Wohlbefinden wiederhergestellt wurde.“

Menschen verlieren?

Wir haben mit großen politischen Herausforderungen zu kämpfen. Mit globalen Krisen: Mit dem Klimawandel. Dessen verheerende Auswirkungen erlebe ich hier in Somaliland ganz konkret. Die Trocken- und Regenzeiten sind aus dem Rhythmus gekommen. Die Menschen haben mit Dürren oder Fluten zu tun, die es früher nicht gab. Mit den Kriegen, die in der Ukraine und in Gaza toben – und damit sehr nahe an uns herangerückt sind. Und obendrein sind da die Krisen im eigenen Land: Nehmen wir nur die veraltete Infrastruktur (geradezu symbolisch ist der Einsturz der Carolabrücke in Dresden), überforderte Pflegekräfte, die vielen ausfallenden Stunden an den Schulen, der Fachkräftemangel in Handwerk und Industrie. Vieles andere mehr ließe sich sagen. Wir können es uns nicht leisten, auch noch die Menschen zu verlieren. Wer große Probleme zu lösen hat, muss viele Menschen daran beteiligen. Indem man ihnen zuhört und sie bei der Suche nach Lösungen einbindet.

Frieden und Gerechtigkeit

Irgendwie ist es jetzt dann doch ein Klagelied geworden. Das darf auch mal sein, meine ich. Zumal das älteste Liederbuch der Welt, der Psalter, viele Klagepsalmen enthält. Aber wir finden da auch diese Strophe: Ich will hören, was Gott, der HERR, zu sagen hat: Er verkündet Frieden. Dann verbünden sich Güte und Treue, dann küssen einander Gerechtigkeit und Frieden. Treue wird aus der Erde sprießen und Gerechtigkeit vom Himmel herabblicken. (aus Psalm 85) Was für ein Bild: Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Viel schöner kann man es doch nicht schreiben. Für das Kinderbuch „Ist das fair? Ein kleines Buch über Gerechtigkeit“ hat der Illustrator Volker Konrad ein Bild von diesem Kuss gemalt. Innig und zärtlich berühren sich die Lippen von Gerechtigkeit und Frieden. Wunderschön. Um diese Schönheit zu erleben und zu leben, ist es dringend nötig, dass so viele Bürger wie nur irgend möglich im gleichen Boot sitzen und in dieselbe Richtung rudern.

Uwe Heimowski

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