Rat für den Alltag

Frieden erstreiten

Aus der Ausgabe Winter 2024

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Wir sollen Friedensstifter sein – das hat Jesus selbst gesagt: „Glückselig die Friedensstifter …“ (Matthäus 5,9). Aber was ist das, Frieden? Und wie kann man Frieden herbeiführen oder stiften? Manch einer hat hier vermutlich Personen wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King vor Augen, die sich für den Frieden engagiert und eingesetzt haben. Friedensstifter werden gebraucht und ersehnt, keine Frage, gerade in einer Welt, die so voller Unfrieden ist. Angesichts der Kriege in der Ukraine oder rund um Israel – und das sind ja leider nur einige der aktuellen Krisenherde dieser Welt – ist Frieden ein hohes Gut! Aber wie kann man Frieden schaffen? Früher hieß das mal: „Frieden schaffen ohne Waffen“. Aber was macht man, wenn der andere gar keinen Frieden will? Wenn er aggressiv ist und kein Interesse daran hat, friedlich zu leben? Ist Frieden nicht eine Utopie, die immer wieder am „bösen Nachbarn“ scheitert?

Vollständig und heil

Vielleicht müssen wir hier noch einen Schritt zurückgehen und einmal darüber nachdenken, was die Bibel unter Frieden versteht. Ist Frieden die Abwesenheit von Streit? Bedeutet Frieden, dass man auf sein Recht verzichtet und so letztlich der Übeltäter gewinnt? Das hebräische Wort, das im Alten Testament für Frieden verwendet wird, ist „Schalom“. Wenn man sich dieses Wort einmal genauer ansieht, stellt man fest, dass es sehr viel mehr ist als ein Zustand ohne Kampf und Streit. Es beschreibt einen Zustand, in dem alles so ist, wie es sein soll – vollständig und heil. Es kann daher nicht nur für Frieden stehen, sondern zum Beispiel auch für Gesundheit oder Wohlstand.

Vergelten und ersetzen

Und wenn etwas nicht gut ist, wenn es nicht heil ist, sondern kaputt? Wenn etwas fehlt an diesem Zustand des Schalom? Dann geht es darum, das, was fehlt, zu ersetzen. Das Verb, von dem Schalom abgeleitet ist, kann daher auch benutzt werden im Sinn von „vergelten“ oder „ersetzen“. Frieden ist also nicht dann, wenn wir so tun, als sei alles in Ordnung, sondern wenn wir aktiv dazu beitragen, diese Ordnung herzustellen. Das ist es, was Friedensstifter tun. Sie setzen sich dafür ein, dass Ungerechtigkeit beseitigt wird und Vergehen bestraft werden. Denn nur so kann Gerechtigkeit herrschen. Und nur so kann Frieden sein.

Wie macht man das?

Ein Friedensstifter ist daher nicht jemand, der sich alles gefallen lässt und dem Bösen tatenlos zusieht. Mir gefällt daher der Begriff Friedensstreiter sehr gut. Jemand, der sich aktiv für Frieden einsetzt – dafür, dass Gerechtigkeit herrscht. Jemand, der sich dem Bösen entgegenstellt und dafür kämpft, dass die Dinge zurechtkommen. Und wie macht man das? Was können wir tun, um Friedensstifter beziehungsweise Friedensstreiter zu sein? Am besten ist es, wenn wir uns dazu Jesus anschauen. Denn er ist ja unser Frieden (Epheser 2,14). Was können wir an ihm darüber lernen, wie das Streiten für den Frieden geht?

„Das ist es, was Friedensstifter tun. Sie setzen sich dafür ein, dass Ungerechtigkeit beseitigt wird und Vergehen bestraft werden. Denn nur so kann Gerechtigkeit herrschen. Und nur so kann Frieden sein.“

Zwei Dinge sind mir wichtig:

Jesus konnte kämpfen

Als Jesus die vielen Verkäufer und Geldwechsler im Tempel sah, wurde er zornig. Johannes berichtet davon, dass er sogar eine Geißel aus Stricken geflochten hat, um die Händler damit aus dem Tempel zu treiben (Johannes 2,15). Die Vorstellung, dass Jesus ein sanfter, ruhiger Mann war, der nie ärgerlich oder zornig wurde, ist also offenbar nicht richtig. Auch der Friedensstifter par excellence hat gestritten und war zornig. Der Zustand im Tempel war eben nicht heil, er war nicht so, wie er sein sollte. Jesus hat sich dafür eingesetzt, dass der Tempel wieder zu dem wurde, was Gott sich gedacht hatte: ein Ort der Anbetung und der Nähe Gottes. Offenbar gab es auch damals schon Menschen, die ein falsches Verständnis von Frieden hatten. Ein Frieden, der fünf gerade sein lässt, ist kein Frieden. Ein Frieden, der Ungerechtigkeit und Sünde duldet, ist kein Frieden. Jesus ist sogar so weit gegangen zu sagen, dass er nicht gekommen ist, um diese Art von Frieden zu bringen (Matthäus 10,34: „Meint nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden zu bringen“). Wer Jesus nachfolgt, kann durchaus in Kampf und Streit geraten. Menschen lehnen Jesus ab und sie lehnen auch die ab, die seine Jünger sind. In diesem Sinn hat derselbe Jesus, der unser Frieden geworden ist und den Frieden der ganzen Welt im Blick hatte, auch Auseinandersetzung und Streit gebracht. Jesus will also keinen Frieden um jeden Preis, keinen faulen Kompromiss, kein Schweigen, wenn ein mutiger Einsatz für Gottes Gerechtigkeit gefordert ist.

Jesus schafft Heil

Das ganze Leben von Jesus ist im Grunde ein einziger Kampf für den Frieden. Frieden zwischen Gott und uns, Frieden untereinander und letztlich auch Frieden mit uns selbst. Denn Jesus hat das Urproblem des Unfriedens in Angriff genommen: unser egoistisches Streben nach Macht und Anerkennung, unsere Auflehnung gegen Gott und unseren Versuch, ohne ihn leben. Das, was die Bibel Sünde nennt. Wir leben in einem Zustand der Unvollkommenheit, des Unfriedens. Denn wenn Friede bedeutet, dass alles so ist, wie es sein soll („heil“), bedeutet Sünde letztlich Unfrieden („Un-heil“). Diese Sünde ist letztlich der Grund für allen Streit und Kampf, allen Unfrieden in dieser Welt. Und sie ist auch der Grund, warum es so schwer ist, Frieden zu schaffen. Jesus hat dieser Frieden alles gekostet. Er hat ihn ans Kreuz gebracht, wo er für unseren Unfrieden starb. Nur so konnte er uns seinen Frieden schenken (Johannes 14,27). In Römer 5,1 wird das so ausgedrückt: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Jesus hat unsere Schuld ans Kreuz getragen, hat das, was in unserem Leben kaputt ist, was nicht heil ist, was nicht gerecht ist, durch seinen Tod ausgeglichen und uns so gerecht gemacht. Er hat uns heil gemacht, hat uns Frieden geschenkt.

„Wenn Frieden bedeutet, dass alles so ist, wie es sein soll („heil“), bedeutet Sünde letztlich Unfrieden („Un-heil“).“

Beten

Fange an, für den Menschen zu beten, mit dem du im Streit lebst. Du könntest zum Beispiel so beten: „Herr, segne ihn und verändere mich.“ Wir beten häufig umgekehrt („segne mich und verändere ihn“). Wenn wir dagegen anfangen, Gott zu bitten, dass er den Menschen segnet, mit dem wir im Unfrieden leben, ändert sich unser Verhältnis zu diesem Menschen. Schritt für Schritt. Wir fangen an, ihn mit Gottes Augen zu sehen.

Nachdenken

Überlege, was du tun kannst, um Frieden zu schaffen. Wir wissen oft recht schnell, was der andere unserer Meinung nach tun müsste. Aber den anderen können wir nicht ändern. Uns schon. Deshalb sollten wir bei uns selbst beginnen. Häufig sind das übrigens keine großen Dinge, sondern kleine Zeichen der Versöhnung und der Liebe.

Entschuldigen

Überlege, ob es etwas gibt, für das du dich entschuldigen solltest. In den meisten Fällen liegt ein Streit zwischen Menschen nicht nur am Fehlverhalten der einen Seite. Gibt es etwas, was du falsch gemacht hast? Dann bitte den anderen um Entschuldigung.

Aushalten

Sei bereit, eine ungelöste Situation zu ertragen. Nicht immer ist es möglich, Streit aus dem Weg zu räumen und für Frieden zu sorgen. In Römer 12,18 werden wir aufgefordert, „mit allen Menschen Frieden“ zu halten. Aber Paulus weiß auch, dass das nicht immer geht. Und so sagt er: „Ist’s möglich, so viel an euch liegt …“. Gott möchte, dass wir seinen Frieden in dieser Welt verbreiten und so zu Friedensstiftern werden. Das kann auch manchen Streit für den Frieden bedeuten, manche Auseinandersetzung und manchen Einsatz für Gerechtigkeit und gegen Hass und Ausbeutung. Denn Gottes Frieden ist immer viel mehr als eine Abwesenheit von Krieg oder Streit. Es ist ein Zustand der Gerechtigkeit und des Heils. Gott selbst will uns dabei helfen, in diesem Sinne Friedensstifter und Friedensstreiter zu sein.

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