Zu meinem Leben gehören drei unangenehme Dinge: Entschuldigungen, Absagen und Verzicht! Wie oft bin ich selbst traurig darüber, und andere sind enttäuscht, weil ich auf wichtige Termine verzichten oder wunderschöne Einladungen absagen muss. Typische Klagesätze, die immer wieder über meine Lippen kommen, sind zum Beispiel: Es tut mir so leid, dass ich nicht zu eurer Hochzeit, zum Flüchtlings-Kennenlern-Kaffeetrinken, oder zum Dorffest kommen kann. Oder: Ich bedauere, dass ich mich nicht regelmäßiger und intensiver um die Enkel, oder um mir bekannte Kranke oder Einsame vor Ort kümmern kann. Der Grund für meine Absagen und Entschuldigungen ist immer derselbe: Weil ich irgendwo zu Vorträgen und Predigten unterwegs bin.
Ich mach mir nichts vor
Verbindlichkeit? Mit dieser wunderbaren, ehrbaren, noblen, liebenswerten und ansprechenden Tugend kann ich mich leider nicht überall schmücken und folglich den Beifall von Menschen erwarten – lesen Sie mal Sprüche 3, 3-4. So gerne ich mich mit Hingabe und Treue manchen Hilfeleistungen und Liebesdiensten vor Ort stellen würde, und so sehr es andere vielleicht auch von mir erhoffen, praktisch ist es nicht realisierbar. Wenn ich meiner Berufung als Evangelistin treu und konsequent nachgehen möchte, kann ich mich nicht gleichzeitig als „Kümmerin vor Ort“ einsetzen.
„Anstatt durch eine regelmäßige Präsenz vor Ort zu ‚glänzen‘, bescherte mir meine Abwesenheit eher ein schlechtes Gewissen und Frustration.“
Keiner muss alles können
Lange Zeit hat mich die Tugend der herzlichen und wertschätzenden Verbindlichkeit in mancher Hinsicht nicht nur herausgefordert, sondern regelrecht überfordert. Anstatt durch eine regelmäßige Präsenz vor Ort zu „glänzen“, bescherte mir meine Abwesenheit eher ein schlechtes Gewissen und Frustration. Bis ich schließlich begriff: Keiner kann und muss alles tun, sondern viele können und sollen vieles tun! Auf ähnlich befreiende Lösungen kamen schon andere Menschen, so auch die klugen, Geist erfüllten Christen der vorbildlichen Urgemeinde in Jerusalem. Damit niemand mit Arbeit überfordert und Bedürftige nicht übersehen würden, traf deren Leitung einen entscheidenden Beschluss, der nachhaltige Veränderungen und ein erstaunliches Aufblühen brachte: „Es geht nicht an, dass wir die Verkündigung der Botschaft Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern!“ (Apostelgeschichte 6,2). Durch diese brillante Erkenntnis wurden alle Dienste neu aufgeteilt. Geeignete Menschen wurden für den Dienst am Nächsten genauso eingesetzt, wie andere für den Dienst am Wort Gottes. Somit konnte jeder seine Aufgabe mit ganzer Kraft, Hingabe und Loyalität tun.
Worauf es wirklich ankommt
Durch die neu gewonnenen Erkenntnisse und deren Umsetzung wuchs Gottes Reich nicht nur vor Ort, sondern weit darüber hinaus. Nicht nur das, auch Stress und Ärger, Überforderungen und Unzufriedenheit, Murren, üble Nachrede und falsche Erwartungen wurden abgebaut. Alle verstanden, worauf es für Christen ankommt: Dass die Liebe Gottes sichtbar wird im konkreten Tun, ungeachtet dessen, ob es um die körperlichen oder um die seelischen Bedürfnisse der Menschen geht, also sowohl bei der Verkündigung wie auch beim praktischen Dienst am Nächsten. Keiner ging leer aus. Alle waren glücklich. So lebt sich’s gut



