Lebensgeschichte

Sie ist meine Freundin

Aus der Ausgabe Herbst 2022

5

Hingefallen. Einfach so. Gestürzt auf dem kurzen Weg vom Bad zum Schlafzimmer, im Dunkel der Nacht. Unerklärlich, denn nichts lag im Wege. Sie ist hingefallen. Einfach so. Und von einer Sekunde auf die andere veränderte sich ihr Leben vollkommen. Was vorher möglich war, war plötzlich unmöglich. Eine Verletzung an der Halswirbelsäule stellte alles – wirklich alles, was ihr Leben ausmachte – von einem Moment zum anderen auf den Kopf. Querschnittgelähmt, vom Hals abwärts. So die Diagnose, vor mehr als 17 Jahren.

Ich zog mir ihre Schuhe an

Sie ist meine Freundin, ich nenne sie hier Alma, weil ich gerne ihre Privatsphäre schützen möchte. Wir kannten uns schon einige Jahre, hatten Schönes und Schweres, Lustiges und Trauriges miteinander erlebt, als der furchtbare Unfall passierte. Viel war in den ersten Wochen und Monaten nach diesem einschneidenden Ereignis zu regeln, neu zu gestalten. Um helfen zu können und Hände und Füße für Alma zu sein, übernahm ich ihre Generalvollmacht. Ich trat damit in ihre Schuhe für alles, was wir in unserem Leben rechtsverbindlich regeln müssen – und das ist eine ganze Menge. Hier eine Unterschrift, dort ein Bankgeschäft. Hier eine Bestellung, dort eine Arztrechnung. To Dos fast ohne Ende, so schien es am Anfang.

Für mich begann mit Almas Unfall ein Abenteuer der anderen Art, Dauer offen. Anzahl der Herausforderungen unbekannt. „Chancen“ zum Finden pragmatisch-kreativer Lösungen unendlich. So wie Alma in ihr neues Leben „hineingefallen“ ist, bin ich in eine neue Aufgabe hineingestolpert. In den ersten Jahren nach der verhängnisvollen Nacht hat Alma sich ihre Welt neu aufgebaut. Vieles geht nicht mehr, aber vieles geht doch, wenn Hände und Füße da sind und zupacken. Alma lebt in einer Wohnung im Grünen, ist gerne unter Leuten, nimmt am Leben teil. Immer an ihrer Seite ist eine medizinisch geschulte Person, denn Alma kann sich weder an der Nase kratzen noch ein Glas Wasser in die Hand nehmen. Ihr Körper, fast unbeweglich, braucht professionelle Betreuung.

Sie lernte das Leben neu

Niemals hätte ich gedacht, dass mit Almas Unfall auch mein Leben eine ganz neue Dimension bekommen würde. Was am Anfang ein beherztes Zupacken war ist inzwischen zu einem kostbaren „Hobby“ geworden. Und wie es so ist, wenn man ein Hobby lange ausübt, bin ich recht gut darin geworden, Almas Hände und Füße zu sein. Ich, ein eher ungeduldigschneller Mensch, habe in dieser Freundschaft gelernt, einen langen Atem zu haben. Die Extra-Meile zu gehen.

„Ich, ein eher ungeduldig-schneller Mensch, habe in dieser Freundschaft gelernt, einen langen Atem zu haben. Die Extra-Meile zu gehen.“

Ich sehe, welche Geschenke Gott auf so einem manchmal durchaus steinigen Weg versteckt. Für Alma, aber eben auch für mich. Ab und an kommt es mir so vor, als ob ich Gott dabei zuschauen kann, wie er am Arbeiten ist. Am Anfang, ungefähr drei Monate nach dem Unfall, war klar, dass Alma nicht in ihre alte Wohnung zurückkehren könnte. Aber wohin denn dann? In eine Pflegereinrichtung? Ein Arzt im Krankenhaus sagte uns, dass ihre Lebenserwartung aufgrund der intensiven Pflegebedürftigkeit dann wahrscheinlich bei rund einem Jahr liegen würde. Erschreckend – und ein klares Zeichen dafür, dass eine neue Wohnung gefunden werden musste. Barrierefrei, gerne im Grünen, am liebsten mit einem Gästezimmer. Gott hat Menschen aus der ganzen Welt miteinander verbunden, um das möglich zu machen. Hilfe kam aus Kalifornien und Südafrika, aus Deutschland und Chile. Zusammen haben wir Gottes „Wohnungspuzzle“ zusammengesetzt. Und es hat funktioniert. Bis heute lebt Alma in dieser Umgebung, viele Gäste gehen ein und aus, und so richtig ruhig ist es fast nie.

Heute kann ich mir meinen Alltag ohne dieses „Hobby“ nicht mehr vorstellen. In meiner Welt ist es ein Vorrecht, jemanden in einer so außergewöhnlichen Situation in seinem Leben zu begleiten. Und das nicht als Eintagsfliege, sondern als Dauerläuferin. Klar, ich muss von Zeit zu Zeit Pause machen. Ich habe selbst ein volles, buntes Leben. Zwei Jobs halten mich auf Trab, ich bin gerne unterwegs. Und einen großen Freundeskreis gibt es auch. Wer hier zwischen den Zeilen die Worte „Selbstaufgabe“ oder „Helfersyndrom“ liest, der liegt falsch. Klar, mich mal zurückzunehmen, das spielt schon eine Rolle. Doch ich habe immer und immer wieder erfahren, dass Gott mir mehr gibt als ich gebe. Er macht meinen Horizont weit. Was jemandem von außen vielleicht eng und sehr auf einen Menschen fokussiert vorkommen mag, erlebe ich anders.

„Klar, mich mal zurückzunehmen, das spielt schon eine Rolle. Doch ich habe immer und immer wieder erfahren, dass Gott mir mehr gibt als ich gebe. Er macht meinen Horizont weit.“

Welche Brille setz ich auf?

Vor gut 10 Jahren hatte ich das Bedürfnis noch einmal für längere Zeit im Ausland zu wohnen und zu arbeiten. Und so habe ich meine Wohnung aufgelöst, zwei Koffer ein und gut vier Flugstunden entfernt wieder ausgepackt. Und plötzlich trennten Alma und mich tausende Kilometer. Mal eben „rumkommen“, ging nicht mehr. Doch Gott hat sich als Möglichmacher gezeigt. Und das tut er immer wieder. Ehrlicherweise will ich sagen, dass es natürlich an mir liegt, ob ich Gott als Möglichmacher sehe und erlebe oder als „Lebensbeschneider“. Ich bin verantwortlich für die Brille, die ich mir aufsetze. Will ich sehen, was möglich ist, was erfüllend ist, und bereichernd? Oder bin ich eher „defizitorientiert“ unterwegs und gucke auf das, was nicht geht? – Zugegeben, manchmal ist das naheliegender. Manchmal passiert es auch einfach, und ich entscheide gar nicht bewusst. Doch für mich ist es eine Hilfe, mir klarzumachen, dass ich fast jederzeit die Brille wechseln kann. Rosarot sind ihre Gläser nie… aber das ist auch nicht die Hauptsache.

Vor 17 Jahren hat sich Almas Leben grundlegend geändert. Von einem Moment auf den anderen war sie herausgefordert, das Dasein noch einmal neu durchzubuchstabieren. Heute sagt sie: Alles Buchstabieren hat sich gelohnt. Fast alles ist heute anders – und doch ist das Leben lebenswert. Für mich ist das ein Wunder. Und so nah an einem Wunder „dran zu sein“ ist ein, ist mein Geschenk.

Maike Fethke

Aus dieser Ausgabe

Sie nannten mich den Königsmörder

Zum Nachdenken

Sie nannten mich den Königsmörder

Loyal. Und integer. Große Worte gelassen hingeschrieben. Wer weiß schon, was das heißt? Wenn man versucht, aufrecht dem einen gerecht zu werden

Von Detlef Eigenbrodt

Die Macht über mein Leben

Rat für den Alltag

Die Macht über mein Leben

Menschen, die zu anderen stehen, machen sich oft selbst zum Ziel von unfairen Behandlungen. So hat es unsere Autorin schon früh erfahren,

Von Dr. (Unisa) theol. Martina Kessler

Eine Frage des Vertrauens

Lebensgeschichte

Eine Frage des Vertrauens

Wer weiß schon, ob es wirklich stimmt, dass Christoph Kolumbus Amerika entdeckt hat? Wir stützen uns bei dieser Annahme auf geschichtliche Aufzeichnungen

Von Susanne Krüger

Was der Glaube kosten kann

Lebensgeschichte

Was der Glaube kosten kann

Manch einer bekommt nicht mit, was in anderen Ländern so passiert, weil sein Fokus nicht dort liegt. Es würde aber nicht schaden,

Von Wolfgang Häde

Eine Hand wäscht die andere

Kolumne

Eine Hand wäscht die andere

Alles nicht so einfach, meint Steve Volke, wenn es darum geht, saubere Hände zu behalten. Und es wird nicht einfacher, wenn mit

Von Steve Volke

Ich gebe dir mein Leben

Kolumne

Ich gebe dir mein Leben

Einfach mal leben. Jeden Tag. Nach einem Ziel, oder sagen wir: nach einer Berufung. So jedenfalls macht es unser Autor David Kröker,

Von David Kröker

Das könnte dich auch interessieren