Kolumne

Das Herz erobert

Aus der Ausgabe Sommer 2023

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Es gibt ein Mittel gegen Hass: Versöhnung. Aber woher sollen wir die Kraft dazu nehmen, wenn wir mit unseren Kräften schon lange am Ende sind? Alphonsine Mukandoli weiß, wovon sie redet. Während des Genozids 1994 in Ruanda wurde ihr Mann brutal ermordet. Sein Mörder war der Nachbar. Ihm musste sie danach fast jeden Tag begegnen. Hass und Rachegedanken kamen in ihr auf. Aber es sollte anders kommen.

Allein mit dem Schmerz

Fast eine Million Tutsi wurden innerhalb von 100 Tagen im Genozid Ruandas im Frühjahr 1994 ermordet. Die Hintergründe sind vielfältig, sie zu erläutern, würde hier zu weit führen. Die komplette Verwandtschaft von Alphonsine Mukandoli wurde getötet. Nach der Ermordung ihres Mannes, der ein angesehener Direktor einer Grundschule in der Nähe Kigalis war, kam der soziale Abstieg rapide. Alphonsine war plötzlich mit neun teilweise noch sehr kleinen Kindern allein. Und mit dem Schmerz.

Nächtelang saß sie in ihrer Hütte und überlegte, wie sie Rache üben und den Mörder ihres Mannes töten könne. Aber dann kam ein denkwürdiger Abend, an dem sich für die Christin alles ändern sollte: „Ich musste eine Entscheidung treffen. Würde der Hass siegen? Würde es nützen, den Mörder ebenfalls zu ermorden? Was sollte ich tun? Ich bin Gott zutiefst dankbar, dass er mich aus diesen Gedanken herausgeholt hat. An diesem Abend gab er mir die Kraft, zu vergeben. Er hat mir einen nie zuvor gekannten inneren Frieden gegeben. Es war wie ein neues Leben. Danach konnte ich wieder mit den Leuten im Dorf sprechen. Ich konnte wieder in die Kirche gehen. Ich habe mich wieder unter die Leute getraut. Ich habe gemerkt, dass wir als Familie weiterleben, ja, wieder neu leben konnten. Ich habe in dieser Nacht erlebt, wie Jesus mich und meine Familie komplett neu gemacht hat.“

Ich hege keinen Groll

Die Kraft der Versöhnung sollte noch tiefer gehen, denn Alphonsine hat in dieser Nacht erfahren, was die Bibel mit „Shalom“ beschreibt. Einen inneren Frieden, der uns erfasst und in unser Herz gepflanzt wird. Ich habe sie vor einigen Monaten in Ruanda getroffen, wir saßen in ihrem Wohnzimmer, und ich traute meinen Ohren kaum, als ich sie sagen hörte: „Ich hege keinen Groll mehr gegen den Mörder meines Mannes. Wenn er jetzt hier in dieses Zimmer kommen würde, könnte ich ihm wie jedem anderen Menschen neutral und ohne negative Gefühle begegnen. Vielleicht würden wir einen Kaffee miteinandertrinken.“ Noch nie zuvor hatte ich einen Menschen getroffen, bei dem ich so stark erkennen konnte, dass Jesus sein Herz erobert hat.

Da naht Befreiung

Alphonsine erinnerte sich an die dunkelste Zeit ihres Lebens: „Gott hat uns geholfen, die Dunkelheit Stück für Stück zu überwinden. Uns war ziemlich schnell klar geworden, dasses keine Alternative gab, als mit den bösen und dunklen Erlebnissen weiterzuleben. Es war geschehen – und wir mussten es akzeptieren. Wir konnten das gar nicht ohne Gott. Der Weg der Vergebung war allein nicht möglich. Ich wusste, dass ich nur mit Jesus unser Leben wieder zurückgewinnen würde. Deshalb habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie ich Vergebung leben und dem Mörder meines Mannes und den Mördern meiner ganzen Verwandtschaft vergeben könnte. Es war nicht einfach, aber mit Gottes Hilfe war es möglich.“

Vergebung macht frei. Das klingt wie ein Spruch aus einem christlichen Poesiealbum, aber Alphonsine zeigt mir, dass er stimmt. Rache hätte sie nicht nur ins Gefängnis gebracht, sondern Rachegedanken legen sich wie eine schwere Kette um Herz und Gedanken. Es ist bedrückend, immer darüber nachzudenken, welche Form der Rache wir ausüben könnten. Wie befreiend ist es, sich für die Versöhnung zu entscheiden.

Steve Volke

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