Rat für den Alltag

Als würde Jesus meine Narben küssen

Aus der Ausgabe Frühling 2022

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Anschnallen, und los geht’s. Wie ich es genieße, wenn wir Fahrt aufnehmen, ich in den Sessel gedrückt werde – und der Flieger dann abhebt! Ich schaue verstohlen zu meinem Nachbarn. Es stellt sich heraus, er ist Peruaner, lebt in Schweden und ist auf dem Weg in seine Heimat. Da ich seit einiger Zeit in Peru lebe, kommen wir schnell ins Gespräch. Schon bald wird das Essen gereicht, wir genießen ein Glas Wein und reden weiter – stundenlang. Ich frage ihn, ob er denn seine Familie in Peru besuchen will. Ja, doch, das auch. Aber der eigentliche Grund sei ein anderer. Er druckst etwas herum und meint dann, er wisse nicht, ob er es mir sagen solle. Ich lächle ihn an. Da erzählt er mir, er sei auf dem Weg zu seinem persönlichen Schamanen, der ihm seit Jahren die Zukunft voraussagen würde. Doch jetzt bräuchte er einen Neuanfang! Und schon bricht alles aus ihm heraus. Es hätte sich so viel in ihm aufgestaut und er bräuchte dringend Hilfe. Seine Ehe sei gescheitert, andere Beziehungen zu Frauen würden ihm nichts bringen, beruflich käme er nicht weiter – genau wie sein Schamane es ihm vor Jahren prophezeit hatte. Zum Glück sei dieser auch darauf spezialisiert ihn zu reinigen. Gefragt, wie denn eine solche Reinigung aussieht, berichtet er im Detail. Er würde in eine Höhle geführt; der Schamane sei in Weiß gekleidet; alles in der Höhle sei in Weiß. Weiße Blumen, weißes Reinigungspulver, und kristallklares Wasser, in dem er getauft würde. Nach dieser Reinigung sei er bereit für einen Neuanfang. Ich frage nach, woher der Schamane denn seine Kraft hätte. Allmählich kommen wir auf den Begriff „weiße Magie“, und ich versuche, ihm verständlich zu machen, dass er durch das sich einlassen auf diese Rituale letztlich seine Seele verkauft hat – an Satan. 

Mir fehlte die Luft zum Atmen

Diese Begegnung geht mir immer noch nach. Die Sehnsucht nach einem Neuanfang kann ich sehr gut nachvollziehen. Vor allem, wenn das Leben in einer Sackgasse gelandet ist und sich ein gefühlsmäßiges Knäuel entwickelt hat, das sich kaum entwirren lässt. Meist ist es ein Konglomerat aus privatem Frust, beruflicher Ausweglosigkeit und gesellschaftlichen Problemen, das die Luft zum Atmen und die Lust auf Leben nimmt. Zugegeben, bei mir sind es vorwiegend die privaten Angelegenheiten, die mich fertigmachen. Vor allem, wenn ich Schuld auf mich geladen habe, fühle ich mich wie gelähmt. Bereits im Alten Testament bezieht sich David genau auf diesen Zustand. In seinem Fall war es so, nachdem er die Ehe gebrochen hatte: „Erst wollte ich meine Schuld verheimlichen. Doch davon wurde ich so schwach und elend, dass ich nur noch stöhnen konnte“ (Psalm 32,3). 

„In meinem Leben gibt es bis heute Narben, die ich mir selbst zugefügt oder die andere mir zugefügt haben. Das tut der Wirkungskraft der Vergebung aber keinen Abbruch.“

Sie schenkte mir tatsächlich Blumen

Diese Zeilen erinnern mich an eine Zeit in meinem Leben, als sich einiges angestaut hatte. Ich hatte Dinge getan, für die ich mich zutiefst schämte. Wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass ich schwere Schuld auf mich geladen hatte. Es ging mir körperlich schlecht. Magenprobleme, Schlafstörungen, Herzrasen. Wochenlang versuchte ich, das eigene Verhalten zu entschuldigen – aber es gelang mir nicht. Im Gegenteil! Es fielen mir unzählige andere Situationen ein, die auch noch auf mir lasteten. Von ganzem Herzen sehnte ich mich nach einem Neuanfang, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Eines Tages fiel mir folgender Vers ins Auge: „Bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet“ (Jakobus 5,16a). Ermutigt durch diesen Vers, vereinbarte ich einen Termin mit der Seelsorgerin meiner Gemeinde. Als ich ihr die Tür öffnete, stand sie vor mir – mit einem wunderschönen Blumenstrauß. Da brach der Damm endgültig. „Das habe ich nicht verdient“, schluchzte ich, „bei dem, was ich gemacht habe!“ Wir setzten uns, und ich erzählte. Ließ nichts aus, berichtete schonungslos. Wie gut das tat! Alles zur Sprache bringen, meine Schuld beim Namen nennen, nichts zurückhalten. Anschließend sprach sie mir die Vergebung durch Jesus zu. Dass ich durch sein Blut gereinigt bin und dass durch ihn meine ganze Sünde abgewaschen ist. Die Tränen flossen immer noch, und je mehr ich weinte, desto mehr spürte ich, wie meine Seele gereinigt wurde. Genau wie David es erlebt hatte: „Da endlich gestand ich dir meine Sünde; mein Unrecht wollte ich nicht länger verschweigen. Ich sagte: ‚Ich will dem HERRN meine Vergehen bekennen! Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben‘“ (Psalm 32,5).

Ich freue mich am Neuanfang

Nach dem Besuch der Seelsorgerin war ich ungemein erleichtert, ich kann es kaum beschreiben. Durch diese Lebensbeichte kehrte Freude in mein Herz zurück. Ich erlebte es als einen echten Neuanfang. Und doch muss ich gestehen, es war nicht wie das berühmte weiße Blatt, von dem alles Böse weggewischt war. Es war eher wie ein mit schwarzer Tinte vollgeschriebenes Blatt, über das ein rotes VERGEBEN gestempelt worden war. Ganz sicher gibt es Menschen, die durch Jesus eine Art „Runderneuerung“ erlebt haben und die zum Beispiel als Drogensüchtige selbst von den körperlichen Folgeerscheinungen befreit wurden. Doch bei mir war es nicht so. In meinem Leben gibt es bis heute Narben, die ich mir selbst zugefügt, oder die andere mir zugefügt haben. Das tut der Wirkungskraft der Vergebung aber keinen Abbruch. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, als würde Jesus mir Blumen schenken und meine Narben küssen. Weil sie zu mir gehören und Teil meines Lebens sind. 

Er wollte nicht mehr bei mir sitzen

Wenn ich an den jungen Peruaner denke, merke ich, wie anders mein Neuanfang war. Im Vergleich zu ihm wurde ich befreit zu etwas Neuem und musste nicht auf einem vorgegebenen Pfad laufen. Damals im Flugzeug konnte ich ihm von meinem Leben mit Jesus erzählen, wie er mich von Schuld befreit und mit Gott versöhnt hat; ich konnte ihm von meiner Taufe berichten – und dass bei Jesus jederzeit ein Neuanfang möglich ist. Was ich sagte, ärgerte ihn maßlos, und er bat die Stewardess um einen anderen Platz. Bis heute wünsche ich ihm von Herzen, dass er einen Neuanfang erlebt, wie Jesus ihn schenkt. Ich selbst habe keinen Kontakt mehr zu ihm. Aber gut, dass ich Jesus im Gespräch bitten kann: „Kümmere du dich um ihn!“ Dann werde ich ganz ruhig, weil ich weiß, dass er nichts 
lieber tut. 

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