Standpunkt

Der Neuanfang ist gar nicht so leicht

Aus der Ausgabe Frühling 2022

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Da laufe ich mit Pastor Joel durch einen der größten Slums mitten in der Millionenstadt Nairobi in Kenia: Mathare. Wir sind gerade 50 Meter weit gekommen, als er mir sagt: „Steve, bis jetzt ist dir noch nichts passiert, weil du an meiner Seite gehst. Wenn du hier allein unterwegs wärst, hätten sie dich schon ausgeraubt, dich bis aufs Hemd ausgezogen und im besten Fall halbnackt wieder zum Gemeindehaus geschickt. Aber sehr wahrscheinlich wärst du schon tot!“ Ich bin sehr begeistert, dass ich neben ihm gehen darf und nicht allein hier bin. Mathare ist ein Dreckloch. Den Geruch dieses Tals werde ich noch tagelang in der Nase haben. Joel erzählt mir, dass selbst der kleine Fluss im Tal so tot ist, dass sehr wahrscheinlich nicht mal mehr Bakterien dort überleben wollen. Jedenfalls den Humor hat er sich behalten. 

Sich selbst befreien

Im Slum stellt sich die Frage, warum die Menschen sich dort nicht selbst helfen können. Kein Drive, kein Wille, selbst schuld, wenn sie im Dreck leben müssen? Der Neuanfang scheint doch einfach: Aufräumen, Arbeiten, oder einfach weg gehen und woanders hinziehen. Ganz so einfach ist es nicht, im Gegenteil, es ist eher sehr kompliziert. Eine Antwort auf die Frage nach den Gründen habe ich bei einer Begegnung mit Christy und ihrem Mann Muendwa gefunden. Die beiden kümmern sich um den kleinen James. Ihr zweites Kind, ein zwölfjähriges Mädchen, mussten sie an eine andere Familie abgeben. Sie waren so arm, dass sie es nicht ernähren konnten. Muendwa war einmal Besitzer eines kleinen Hotels, wurde dann krank und konnte nicht mehr arbeiten. Das hat die junge Familie an den Rand ihrer Existenz gebracht. In einem Land, in dem Krankenversicherung ein Fremdwort ist. 

„Selbst wenn sie sich ein besseres Leben wünschen, fehlt ihnen einfach die Zeit, um davon zu träumen.“

Keine Zeit zum Träumen

Selbst wenn sie sich ein besseres Leben wünschen, fehlt ihnen einfach die Zeit, um davon zu träumen. Für Menschen, die wie Muendwa und Christy in extremer Armut leben müssen und die nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen, gibt es nur ein Ziel: das Erreichen der nächsten Mahlzeit. Sie müssen 90 Prozent ihrer Energie und Gedanken aufwenden, um überhaupt zu überleben. Da ist kein Platz für andere Bedürfnisse. Und weil das so ist, haben die Armen keine Energie, ihr Leben aufzubauen und an die Zukunft zu denken. Ihr Alltag ist mit dem Grundbedürfnis „Nahrungsbeschaffung“ belegt. Und sie leben dabei im wahrsten Sinn des Wortes „von der Hand in den Mund“ und „von heute auf morgen“.

Sie haben nichts

Ohne Hilfe von außen bleiben sie auf dieser untersten Stufe ihrer Bedürfnisse hängen, weil sie sich erstmal darum kümmern müssen, den nächsten Tag zu überleben. Neu anfangen, woanders leben, so etwas wie Sicherheit, versorgt sein oder Schönheit zu erfahren, das ist für sie kaum vorstellbar. Und schon fällt mir der große Unterschied auf zwischen ihnen und mir: Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und mehr. Sie haben nichts. Ich kann träumen und viele dieser Träume sogar verwirklichen. Sie nicht. 

Und einmal mehr werde ich dankbar für mein Leben und spüre gleichzeitig die Verantwortung, die ich für andere Menschen habe. 

Steve Volke

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