Kolumne

Auf’s Herz gehört

Aus der Ausgabe Winter 2024

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Es war ein Freitag. Auch noch Freitag, der 13. – aber ich glaube ja nicht an Unglückszahlen. An diesem Tag fuhr ich also fröhlich in das Kirchenbüro einer neuen Gemeindegründung, in der ich einmal pro Woche ehrenamtlich meine Zeit einsetzte, um mitzugestalten, Gottesdienste und Feste zu planen oder Moderationen vorzubereiten. Es gab zwar immer mal wieder auch Spannungen mit dem Pastorenehepaar, besonders mit der Ehefrau, aber ich war im naiven Glauben, dass Geschwister im Herrn diese Herausforderungen doch gemeinsam meistern könnten. So auch an diesem Freitag.

Ich heulte wie ein Schlosshund

Aber es kam so ganz anders und unerwartet. Man sagte mir, ich solle auf der Stelle meine Sachen im Computer aufräumen und dann sofort – nach dreijährigem Einsatz – verschwinden. Das war’s. Sie hatten Gott reden gehört, und der hatte ihnen gesagt, eine Frau solle die Gemeinde verlassen, damit die Gemeinde wachsen und gesunden könne. Jemand anders hatte den Eindruck, den Namen Evi zu hören. Oha, da kann man ja schwer was gegen sagen. So zog ich unter Tränen aus diesem Büro aus, und am Sonntag darauf wurde im Gottesdienst verkündet, dass niemand den Kontakt zu mir aufrechterhalten dürfe. Das Wochenende war für mich natürlich gelaufen. Ich saß daheim und heulte wie ein Schlosshund. Ein Pastorenfreund kam vorbei, um mich zu trösten, und auch meine Familie trauerte mit mir. Über die nächsten Wochen nahmen mehrere Pastoren sich meiner an und ermutigten mich. Aber wo war Gott bitteschön in dem Ganzen? Und konnte es Frieden in meinem Herzen geben, wenn sich nicht auch eine friedliche Lösung mit dieser Gemeinde auftat?

„Der Frieden kam prozesshaft. Indem ich Gott immer wieder einlud, in meinem Herzen den Frieden zu schaffen, den ich mir nicht selbst geben konnte.“

Aus Wunden wurden Narben

Nun, der Frieden kam prozesshaft. Indem ich Gott immer wieder einlud, in meinem Herzen den Frieden zu schaffen, den ich mir nicht selbst geben konnte. Indem er mir schenkte, dass ich vergeben konnte, auch wenn ich mich nicht danach fühlte. Loszulassen. Durch die Zeit wurden aus Wunden Narben. Manchmal juckten sie etwas, aber der Schmerz ließ nach. Ich lernte erneut, dass Frieden nicht davon abhängt, ob Menschen sich bei einem entschuldigen, sondern davon, ob man in solchen Situationen den Friedefürsten konkret bittet, Frieden zu schenken, der höher ist als alle Vernunft. Drei Jahre später bekam ich eine handgeschriebene Karte aus der Gemeinde mit einer halbherzigen Entschuldigung. Das freute mich! Gleichzeitig merkte ich: Diese Entschuldigung hatte keine Auswirkungen mehr auf mein derzeitiges Leben. Ich hatte auch ohne sie meinen Frieden gefunden. Dass nach einem weiteren Jahr diese Gemeinde geschlossen wurde, machte mich dann eher traurig, als dass ich schadenfroh war.

Ich wünschte ihm das Beste

Vor einigen Wochen hörte ich nun, dass der Pastor eben dieser Gemeinde im Sterben lag. Krebs. Wow! Das traf mich! Mehrere Tage überlegte ich, ob ich ihm schreiben sollte. Wäre das nicht komisch, so nach zwanzig Jahren? Ich hörte auf mein Herz und tat es. Wünschte ihm das Beste, ein gutes Abschiednehmen und Hoffnung im Schmerz. Mir war es fast egal, ob er mir zurückschreiben würde. Ich wusste auch gar nicht, ob er es überhaupt noch konnte. Aber ich wollte ihn segnen. Ihn im Frieden zwischen uns sterben lassen. Ihn Gott anvertrauen. Am nächsten Tag kam eine E-Mail von ihm, in der er seine große Freude ausdrückte, dass ausgerechnet ich ihm geschrieben hatte. Da wusste ich erneut, wie gut es ist, dem sanften Drängen des Friedefürsten nachzugeben.

Evi Rodemann

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