Standpunkt

Der Himmel auf Erden

Aus der Ausgabe Sommer 2022

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Ich bekomme Heimweh, wenn ich über den Himmel nachdenke. Vielleicht stolpert der ein oder andere gerade über diese Aussage und wundert sich: „Wie kann man denn Heimweh nach einem Ort haben, an dem man selbst noch nie war?“ Wenn man jedoch genau darüber  nachdenkt, ist das überhaupt nicht weit hergeholt. Denn Heimweh beschreibt das Gefühl, wenn jemand seine Heimat vermisst – den Ort, an dem man sich zugehörig und sicher fühlt, den Ort, an dem das Herz zuhause ist. Für viele Menschen bezieht sich dieser Begriff der „Heimat“ dabei auf einen geographischen Ort – die eigene Herkunft oder den aktuellen Wohnort – oder auf ein Zugehörigkeits- und Sicherheitsgefühl, das durch Familie und Freunde vermittelt wird. Und doch gibt es im Leben immer wieder Situationen – vielleicht sogar nur kurze Augenblicke – in denen wir uns heimatlos und entwurzelt fühlen. In denen wir von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit geplagt werden. In denen unser Herz gebrochen und sinnentleert scheint.  

Das Herz weiß Bescheid

Ich glaube, dieses Gefühl kommt nicht von ungefähr. Denn unser Herz weiß, dass unsere wirkliche Heimat nicht auf dieser Erde zu finden ist. Dass wir uns niemals so ganz zu Hause fühlen werden in dieser gefallenen Welt. Dass wir uns immer nach unserer ewigen Heimat sehnen werden. Vielleicht könnten wir es so formulieren: Gott hat ein Stückchen Himmel in unsere Herzen gesät. Im Gegensatz zu dem Heimweh, das sich nach „weltlichen“ Orten sehnt, ist diese himmlische Sehnsucht aber keineswegs lähmend, bedrückend oder beunruhigend. Denn selbst wenn sie mit einem Hauch Weltschmerz verbunden ist, versprüht sie Leben, Hoffnung und Vorfreude und wertet so letztendlich auch unsere Zeit auf dieser Erde auf. Schließlich kann diese ewige Heimat in und durch Jesus schon im Hier und Jetzt ein Stück weit Wirklichkeit werden. 

„Gott hat ein Stückchen Himmel in unsere Herzen gesät.“

Aber wonach sehne ich mich denn eigentlich genau, wenn ich Heimweh nach dem Himmel verspüre? Die weit verbreitete und vor allem in den Medien propagierte Vorstellung von einem Himmel, in dem wir auf Wolken wie auf riesigen Wattebäuschen spazieren und wo wir nichts anderes tun, als für Gott auf einer Harfe zu musizieren, reißt mich persönlich ehrlich gesagt nicht besonders vom Hocker. Und sie scheint mir biblisch auch nicht haltbar zu sein. Das fängt schon damit an, dass wir die Ewigkeit nicht im Himmel, sondern auf der neuen Erde verbringen werden. Gott selbst wohnt dann mitten unter uns. In gewisser Weise haben wir dann also den Himmel auf Erden (Offb 21–22). Auch wenn die Bibel tatsächlich sehr wenig Konkretes zu diesem wunderbaren Ort offenbart, sagt sie genug, um meine Sehnsuchtsantenne auszufahren und alle meine Vorstellungen zu sprengen – auf drei Ebenen: 

Intim und intensiv

Erstens. Ich sehne mich nach intimer Anbetung. Das Überwältigendste und Herrlichste an unserer neuen Heimat ist, dass wir dort Gott in seiner ganzen Größe und Macht sehen werden. Und dass wir in Gemeinschaft mit diesem Gott leben werden. Wenn ich an die vielen Momente hier auf dieser Erde denke, in denen ich Gott persönlich erfahren durfte und von ihm berührt wurde, und wie das bereits mein Innerstes aufgewühlt und mein Leben verändert hat, wie viel krasser muss es sein, wenn ich dann vor Gott selbst stehe? Was muss das für ein atemberaubender Moment sein? Intim. Intensiv. Ehrfurchteinflößend. Erhaben. Ich kann es kaum erwarten, mein viel zu kleines und absolut verkorkstes Gottesbild von Gott selbst auf den Kopf stellen zu lassen. 

Wenn ich die Schönheit und Herrlichkeit Gottes mit eigenen Augen sehen darf. Wenn ich die Erhabenheit und Heiligkeit Gottes hautnah spüren darf. Und wenn ich gleichzeitig von der endlosen Liebe und Gnade Gottes überrascht werde. In so einem Augenblick der Ewigkeit kann man nicht anders, als in den Lobgesang der unzählbaren Menschenmenge aus allen Nationen miteinzustimmen (Offb. 7,9–12).  

 

 

„Ich kann es kaum erwarten, mein viel zu kleines und absolut verkorkstes Gottesbild von Gott selbst auf den Kopf stellen zu lassen.“

Strahlend und schön

Zweitens. Ich sehne mich nach ewiger Sabbatruhe. Wenn Jesus wiederkommt und sein Werk vollendet, werden wir in Ewigkeit in ihm ruhen. Wer in diese himmlische Sabbatruhe eintritt, kann endlich aufatmen. Denn hier erleben wir Freiheit von der Sklaverei der Sünde, von den Sorgen und Nöten des Alltags, von der Getriebenheit der eigenen Seele. Ja, in dieser ewigen Sabbatruhe weicht die weltgewandt Verzweiflung einer heiligen Freude – bewirkt tiefsitzende Dankbarkeit, strahlende Schönheit und pulsierendes Leben, die aus unserer Nähe zu Gott hervorsprühen. Die welterschöpfende Not weicht unerschöpflichem Überfluss – ein ewiges Hochzeitsmahl, bei dem die Gnade, Großzügigkeit und Gastfreundschaft Gottes all unsere Vorstellungen übersteigen. Und die weltzerreißende Gebrochenheit weicht dem wahren Shalom – ein Zustand, in dem Gott, Mensch und Schöpfung in Ganzheit, Gerechtigkeit und Gedeihen zusammenleben. 

Freudig und fruchtbar

Drittens. Ich sehne mich nach vollkommener Entfaltung. Denn in unserer himmlischen Heimat kann endlich alles so sein, wie Gott sich das für uns ausgedacht hat. Die Menschen können als ganzheitliche wiederhergestellte Wesen in ihrem Menschsein aufblühen und ihr volles schöpferisches Potential ausleben. Sie werden trotz ihrer Verschiedenartigkeit als Einheit gemeinsam vor Gott stehen und ihn anbeten. Sie werden voll Freude und mit Fruchtbarkeit die Arbeit tun, die Gott ihnen zugeteilt hat. Die kulturellen Werte der Welt werden von der himmlischen Wirklichkeit radikal auf den Kopf gestellt: Gottes Liebe und Heiligkeit prägen das Miteinander; Gottes Kreativität und Schönheit prägen die kulturelle Entfaltung; und Gottes Gegenwart und Herrlichkeit prägen den Lebenswandel und die Gewohnheiten. Selbst die Schöpfung entfaltet bei der Wiederkunft Jesu eine neue, unvorstellbare Dimension. Dazu hat C.S. Lewis einmal gesagt. „Die Berge und Täler des Himmels werden sich zu denen unserer jetzigen Erfahrung nicht wie eine Kopie zum Original verhalten, noch wie ein Ersatz zum eigentlichen Ding, sondern wie die Blüte zur Wurzel oder der Diamant zur Kohle.“

Letzten Endes bleibt jedoch jede men-schliche Beschreibung dieser himmlischen Wirklichkeit ein bruchstückhaftes und rhetorisch enttäuschendes Unterfangen. Es ist im Grunde so, als würde ich eine dreidimensionale Welt beschreiben, obwohl ich selbst in einer zweidimensionalen lebe. Und dennoch reicht mir dieser Splitter an Information mehr als aus, um mich ganz auf diese ewige Heimat auszurichten. Um mein Leben gemäß den Traditionen und Werten dieser himmlischen Welt zu leben. Um in Jesus schon im Hier und Jetzt ein bisschen Himmel auf Erden zu schaffen. 

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