Kolumne

Ordnung in das Oberstübchen

Aus der Ausgabe Herbst 2021

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Wer durch die Slums dieser Welt zieht, dem fällt schnell auf, was das eigentliche Problem ist. Egal, ob in Kalkutta (Indien), Kibera (Kenia), Kampala (Uganda) oder den Townships von Kapstadt (Süd-Afrika) – die Unordnung und der Dreck, gepaart mit dem Gestank, machen jeden nach kurzer Zeit völlig fertig. Armut stinkt zum Himmel und auf dem Boden verteilte Armut stinkt gleich doppelt. „Wie können Menschen in solchem Dreck leben?“, denken sich augenblicklich diejenigen, die wie ich aus einer anderen Welt kommen. Vielleicht fällt Unordnung nur denjenigen auf, bei denen es geordnet und „ordentlich“ zugeht. Ich bin auf fast allen Kontinenten durch Slums gegangen und irgendwann schien ich die Lösung für das Elend gefunden zu haben: „Wenn die Menschen beginnen würden, ihre Umgebung aufzuräumen“, so dachte ich, „würde es ihnen sicher auch leichter fallen, mit ihrem Leben klarzukommen.“ Doch so einfach ist das leider nicht!
 

Unser Slum soll schöner werden

Mein Freund Joel ist Pastor einer kleinen Kirchengemeinde mitten im Slum von Mathare in Nairobi (Kenia). Mitten durch dieses Tal fließt ein Fluss, der – wie Joel immer scherzt – „so tot ist, dass noch nicht einmal Bakterien darin überleben wollen.“ Als ich ihm bei einem Besuch mal von meiner Theorie erzählte, dass äußerliche Ordnung auch innere nach sich zieht, erzählte er mir eine kleine Geschichte: „Vor vielen Jahren haben wir als Christen in diesem Slum eine Aktion gestartet. So etwas wie „Unser Slum soll schöner werden.“ Wir haben jeden Samstag mit den Nachbarn Straße für Straße gesäubert und aufgeräumt. Aber nach einer Woche sah es wieder genauso schmutzig aus. Dann haben wir versucht, die Menschen mit Geld zu verändern. Wir haben ihnen so eine Art Prämie gezahlt, wenn sie rund um ihr Haus aufräumen würden. Das Ergebnis? Es hielt zwei Wochen, um dann genauso auszusehen wie vorher.“
 

Ihre Welt in Ordnung bringen

Als ich ihn besuchte, merkte ich sofort, dass dieser dreckigste Stadtteil Nairobis auch in der Zwischenzeit nichts dazu gelernt hatte. Ähnliches habe ich in Indien, Kolumbien oder auch auf Haiti erlebt. Was mich dabei immer wieder erstaunt, ist, auf welchem untersten Niveau Menschen zu leben bereit sind. Können sie nicht ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und einfach mal aufräumen und „ihre Welt in Ordnung bringen?“, habe ich mich schon oft gefragt. Ordnung zu schaffen, auf welchem Niveau auch immer, so habe ich gelernt, hat nicht nur etwas mit dem Willen zu tun, sondern auch mit dem Vermögen. Und das gleich in doppelter Hinsicht. Wer jeden Tag nur bis zur nächsten Mahlzeit denkt (weil er sonst sterben würde), hat nicht noch zusätzliche Energie, langfristiger zu denken. Wer gar nichts hat, aus dem er etwas machen kann, dem fällt es auch schwer, aus wenig etwas zu machen.
 

Raus aus dem Chaos

Zwischen den Polen „Menschen durch Hilfe in Abhängigkeit bringen“ und „Menschen ihrem eigenen Schicksal überlassen“ gibt es für mich noch einen wichtigen Mittelweg: Begleitung aus dem Chaos.

Dabei spielt es keine Rolle, wie groß die Schritte sind, die wir gemeinsam gehen. Wichtiger ist, dass wir sie gemeinsam gehen. Das innere Chaos kann von außen besiegt werden. Durch Vertrauen, Hoffnung und positive Erfahrungen. Hier nicht die Augen zu verschließen und anzupacken, ist meine Verantwortung. Und Ihre ist es auch.

„Wer gar nichts hat, aus dem er etwas machen kann, dem fällt es auch schwer, aus wenig etwas zu machen.“

Steve Volke

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