Rat für den Alltag

Einander den Glauben glauben

Aus der Ausgabe Frühling 2025

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Wenn Christen aufeinandertreffen, kommt es unausweichlich zu unterschiedlichen Lehrauffassungen. Das bekommen wir in unseren Gemeinden in den letzten Jahren immer greifbarer zu spüren. Und die Frage ist: Wie gehen wir geistlich angemessen mit diesen Spannungen um? Bücher, wie das von Gavin Ortlund Wofür es sich zu kämpfen lohnt – und wofür nicht: Ein Plädoyer für theologische Triage, helfen uns, diese Spannungen auf theologischer Ebene gut zu navigieren. Aber oft scheitern Gespräche in unseren Gemeinden nicht an theologischem Geschick, sondern an einer mangelhaften Gesprächskultur. Uns fehlt es an einer angemessenen inneren Haltung und an einem respektvollen Miteinander. In meiner eigenen Auseinandersetzung mit dieser Beobachtung habe ich drei Ideale herausgearbeitet, die mir im persönlichen und praktischen Umgang damit helfen: 
 

Demütig überzeugt sein

Erstens, wir brauchen ein ausgewogenes Zusammenspiel von Demut und Überzeugung in unserer grundlegenden Haltung. Wir brauchen Demut, weil unser Wissen Stückwerk ist. Auch wenn es uns schwerfällt, müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass wir eine sehr begrenzte und durch unsere eigene Biografie und Kultur geprägte Perspektive auf die Wahrheit haben. Wir wissen nicht alles. Wir verstehen nicht alles. Und wir liegen ehrlich gesagt doch ziemlich oft auch falsch. Eine Haltung der Demut befähigt uns, offen und lernbereit in einen Dialog einzutreten. Gleichzeitig brauchen wir aber auch Überzeugung, weil Gott sich uns offenbart hat. In unserer menschlichen Begrenztheit ist es uns zwar nicht möglich absolutes Wissen zu erlangen, wohl aber hinreichendes Wissen. Nur weil wir nicht alles wissen können, heißt dies keineswegs, dass wir gar nichts wissen können. Gott hat sich uns vorgestellt – in seinem Wort und ganz besonders in seinem Sohn Jesus Christus. Und genau deswegen dürfen wir überzeugt sein von dem, was wir glauben, und sind eingeladen, das zu bewahren, was kostbar ist. Wir brauchen beides: Demut ohne Überzeugung führt zu Beliebigkeit und Faulheit. Überzeugung ohne Demut führt zu Dogmatismus und Stolz. Wenn Demut und Überzeugung aber in einer konstruktiven Spannung zusammenkommen, führen sie zu Wachstum und Erkenntnis. Und sie helfen uns, insgesamt gelassener mit Spannungen, Komplexität und offenen Fragen umzugehen, anstatt sich von Glaubenszweifeln überkommen oder von persönlichen Ängsten bestimmen zu lassen.  
 

„Wir müssen die Gewohnheiten unseres Verstandes schärfen und lernen, unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen in einer Weise zu kultivieren, die dem Reich Gottes dienen.“

Christuszentriert ringen

Zweitens müssen wir lernen, in der Gemeinschaft und christuszentriert, um diese Themen zu ringen. Das heißt zum einen: Wir brauchen einander. Gott hat uns bewusst in eine Gemeinschaft gestellt. Als Auslegungs- und Lerngemeinschaft ringen wir gemeinsam um die Wahrheit und brauchen dabei auch die unterschiedlichen Stimmen. In der Gemeinschaft finde ich mit meinen blinden Flecken, meinen lagerverursachenden Vorurteilen und meinen fehlgeleiteten Motiven Korrektur. Mein geistlicher und theologischer Horizont wird erweitert und dadurch wird meine Anbetung vertieft. Deswegen stelle ich mich bewusst in diese Gemeinschaft, in die von Christus gestiftete Einheit des Leibes. Das heißt zum anderen: Ohne die gemeinsame und ganzheitliche Ausrichtung auf Jesus wird es uns nicht gelingen, Einheit trotz Vielfalt zu leben. Dies zeigt sich auf verschiedenen Ebenen.

Wenn wir Christus als Zentrum haben, lernen wir, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Statt unsere Energie in „Nebensächlichkeiten“ zu stecken, lernen wir, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Wir lernen, in unserer Berufung aufzublühen und nach den Prioritäten von Gottes Reich zu leben.

Wenn wir Christus als Zentrum haben, lernen wir, den anderen im Lichte Christi zu sehen. Ulrich Eggers hat dazu beim EAD-Symposium 2022 einen spannenden Gedanken von Walter Dürr über das Mosaik „Christ Pantokrator“ aus der Hagia Sophia mitgebracht: „Links Maria, die sich Christus zuneigt, rechts Johannes der Täufer – auch er neigt sich Christus zu. Im Hin-Neigen zu Christus zeigt sich ein wichtiger Gedanke … : Wenn Christus die Mitte ist, können wir unterschiedliche Positionen haben. Denn in dem Maße, wie wir uns Christus zuneigen, neigen wir uns auch einander zu – es geht nicht anders. Ich kann mich nicht Christus zuneigen, und mich zugleich vom anderen abneigen, der sich auch Christus zuwendet. Ich kann mich nur abneigen, wenn ich mich auch von Christus abwende.“ Im Licht von Christus werden wir daran erinnert, dass auch unser „Gegner“ ein Ebenbild Gottes ist, dem wir mit Würde und Respekt begegnen sollen und der in seiner Ganzheitlichkeit, seiner Biografie und seinen Gaben wahrgenommen werden will.

Wenn wir Christus als Zentrum haben, lernen wir, „theologisch gastfreundlich“ zu sein. Weil wir in Jesus selbst Gastfreundschaft erfahren haben, können wir auch Andersdenkende willkommen heißen. Diese Gastfreundschaft geschieht in einem gesunden Verhältnis von Abgrenzung (nicht: Ausgrenzung!) und Umarmung. Wir nehmen unsere Unterschiedlichkeit wahr und setzen dem anderen klare Grenzen. Und gleichzeitig nehmen wir unsere Ähnlichkeit wahr und treten mit dem anderen in eine von Gottes Liebe geprägte Beziehung. Ganz praktisch heißt das: Wir glauben einander den Glauben. Wir erzwingen keine Einheitlichkeit, sondern streben danach, die von Christus gestiftete Einheit sichtbar zu machen. Und wir begegnen einander in Liebe und Wahrheit.

Tugendhaft diskutieren

Drittens, wir brauchen eine intellektuell tugendhafte Diskussionskultur. Wir haben alle etwas zu verlieren, wenn wir nicht miteinander reden. Und wir haben alle etwas zu verlieren, wenn wir unangemessen miteinander reden. Deswegen ist es in unseren Gemeinden wichtig, die Kunst der Meinungsverschiedenheit einzuüben. Wir müssen die Gewohnheiten unseres Verstandes schärfen und lernen, unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen in einer Weise zu kultivieren, die dem Reich Gottes dienen. Tugenden wie Mut, Sorgfalt, Beharrlichkeit, Unvoreingenommenheit, Aufrichtigkeit und Neugier müssen unser Streben nach Wahrheit und unser Miteinander im Ringen um die Wahrheit prägen. Für das konkrete Gespräch mit meinem Gegenüber bedeutet das folgendes: Ich will lernen, aktiv und ganzheitlich zuzuhören – „zwischen den Zeilen“ zu hören und großzügig zu sein; ich will lernen, verantwortungsvoll mit dem Gesagten umzugehen – die Positionen in ihrer Gesamtheit und in ihrer stärksten Form zu besprechen; ich will lernen, meine eigenen Motive zu hinterfragen und Gott in den Mittelpunkt zu stellen; und ich will lernen, miteinander und füreinander zu beten – uns gemeinsam auf Gott auszurichten und für den anderen vor Gott einzutreten. Denn um die Gesprächskultur zu verändern, beginne ich bei mir selbst.
 

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