Lebensgeschichte

Steffi, träum weiter

Aus der Ausgabe Sommer 2026

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Als ich mit Ende zwanzig mein erstes professionelles schauspielerisches Engagement in Marburg hatte, war in mir nicht die leiseste Ahnung, womit mein Leben mich noch konfrontieren würde. Alles war sehr aufregend. Auf Zeit in einer fremden Stadt leben, mit einem irischen Regisseur und vielen interessanten neuen Menschen an einem spannenden Theaterprojekt arbeiten – ich hatte das Gefühl: Jetzt geht das Leben richtig los. In der freien Zeit bin ich viel durch die Stadt spaziert. Besonders gerne war ich in der kopfsteingepflasterten Altstadt, der Oberstadt mit ihren verwinkelten, kleinen, steil zum Schloss ansteigenden Wegen unterwegs. Das ist jetzt über zwanzig Jahre her.

Mit Gehstock und Rollator

Auch nach der Diagnose MS habe ich noch bei vielen Theaterprojekten in Marburg mitgearbeitet, doch zu Fuß war ich seit mittlerweile bestimmt zehn Jahren nicht mehr in der Oberstadt unterwegs. Zu steil die Wege, zu uneben der Boden, zu wenig Sitzmöglichkeiten. Mit Gehstock und auch mit Rollator ist ein Bummel durch die Marburger Altstadt für mich heute ein Ding der Unmöglichkeit. Nur wenn jemand mitkommt, wage ich mich mit dem Rollstuhl in solches Gelände. Allein würde ich auch das nicht schaffen. 

Ein wenig erschrocken

Vor zwanzig Jahren war das Gehen noch eine Selbstverständlichkeit für mich, und ich ging jeden noch so steilen Weg. Bei einem Ausflug in die Marburger Altstadt hielt mich einmal eine alte, braun gebrannte Frau mit Kopftuch an und bot an, mir gegen Geld aus der Hand zu lesen. Interessiert hätte mich das schon, aber ich hatte kein Geld dabei. Das erklärte ich ihr mit Bedauern und wünschte ihr dann noch einen schönen Tag. Sie rief mir hinterher, dass ich in meinem Leben noch große Dinge vollbringen würde. Ich war darüber ein wenig erschrocken, denn ich hätte so etwas nicht erwartet, weil die Frau so enttäuscht dreingeblickt hatte, als ich ihr Angebot kopfschüttelnd ablehnen musste. Aber dann schenkte sie mir eine gute Prophezeiung… Irgendwie habe ich sie noch immer im Nacken sitzen, diese Ankündigung.

„Manchmal träume ich, wie ich durch den Wald spaziere, irgendwo gemütlich entlangschlendere. Nach meinen Spazierträumen fühle ich mich immer irgendwie gut. Irgendwie frisch, hoffnungsvoll. ‚Steffi, träum weiter!‘ raunt mir ein leises Stimmchen zu … ‚Ja, mach ich!‘ sage ich zu mir. Das werde ich definitiv tun, auch wenn ich weiterhin nur im Traum die Flügel ausbreite.“

Wäre es nicht wunderbar?

Einen konkreten Wunsch, was dieses „Große“ sein könnte, habe ich allerdings nicht. Wünsche ich mir, gesund zu sein? Selbstverständlich, wer tut das denn nicht! Wäre es nicht wunderbar, wieder zu Fuß durch die Marburger Altstadt zu streifen? Logo, das wäre nett. Wünsche und Träume ziehen uns in die Zukunft, lassen uns weiteratmen, weitermachen, nach vorne schauen, Unbequemes und Schmerzhaftes ertragen. Vielleicht habe ich auch keine spezifischen Antworten auf die Frage nach meinen Wünschen und Träumen, weil ich kein Fan davon bin, an Träumen zu arbeiten, ihre Erfüllung mit aller Macht herbeiführen zu wollen. Denn: Vielleicht kommt noch etwas in mein Leben, von dem ich jetzt noch nicht mal ahne, dass ich es mir wünsche.

Irgendetwas Großes

Hätte mir jemand früher gesagt, dass ich einmal im Sun Studio in Memphis Lieder von Elvis und sogar einige selbst geschriebene Songs aufnehmen würde, dass daraus sogar ein ganzes Album entsteht, dann hätte ich wahrscheinlich gelacht und gesagt: „Träum weiter!“ Heute weiß ich: Damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn habe. Ich würde aktuell nicht sagen, dass ich Träume habe – und doch gibt es, ohne es genau benennen zu können, etwas, das mich weitermachen lässt. Etwas, was mich nach vorne schauen lässt. Eine Ahnung, dass da noch etwas auf mich wartet, vielleicht schon bald, wenn ich um die nächste Ecke biege. Irgendetwas Großes. Ich bin bereit, es anzunehmen. Und muss an Hermann Hesse denken, der einmal geschrieben hat: „Wir können uns nicht ändern. Aber wir sind umso stärker, je mehr wir im Innersten mit dem einig sind, was uns von außen geschieht.“

Ja, ich bin (meistens) bereit für das, was da noch kommen mag. Mag es besser oder schlimmer werden. Ich schaue um die nächste Ecke, umfahre sie im Rollstuhl, stolpere auf wackeligen Beinen um sie herum. Vielleicht lande ich dabei auf der Nase, vielleicht bin ich auch, unverhofft, einfach nur gesund.

Steffi Tauber

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