Lebensgeschichte

Mitten im Leben

Aus der Ausgabe Sommer 2026

1

Wenn ich darüber nachdenke, wann ich das letzte Mal so richtig tiefenentspannt war, fallen mir nicht so viele Situationen ein. Ich denk an Urlaube, da gab es einen im letzten August, kurz bevor meine erste Tochter zur Welt kam. Wir waren an der Nordsee, mein Mann, meine Eltern und meine Oma, und das war in Summe schon sehr entschleunigt. Aber so richtig sorglos? Wahrscheinlich das letzte Mal im Dezember 2024, als ich mit einem Teil meiner Familie in Südafrika war, die Sonne uns auf die Haut schien und wir auf einem Weingut bei einem guten Glas zusammensaßen und uns über irgendwas kaputtgelacht haben. Da war das Leben zwei Wochen lang entspannt, und an „Morgen“ habe ich wirklich nicht gedacht.

Eher ungewöhnlich

Dinge, die ich nicht in meiner Hand halte, gefallen mir nicht so gut. Am liebsten wüsste ich heute schon exakt, wie der Tag morgen funktioniert und ob die Themen, über die ich mir heute den Kopf und oft auch das Herz zerbreche, sich exakt so auflösen, wie ich das gerne hätte. Meistens lösen sie sich noch viel besser, weil es nicht mein Plan ist, der aufgeht. Aber das zu verinnerlichen, fällt mir immens schwer. Als gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin habe ich schon in der Ausbildung gelernt, was Stress und Chaos bedeuten und wie man am besten funktioniert, wenn diese überhandnehmen. Aber Routinen im Alltag aufbauen? Im Schichtdienst kaum denkbar, weiß man doch heute nicht, ob man in den nächsten Tagen tatsächlich so arbeitet, wie es mal im Dienstplan stand.

Extrem wichtig

Um im Alltag den Überblick zu behalten, haben mir schon immer Listen gut geholfen – To Dos, am allerliebsten mit Kästchen, die ich abhaken kann. Oder Journaleinträge, bunte Kästchen zum Ausmalen, wenn man eine Gewohnheit durchgezogen hat. Sowas hilft mir im Alltag extrem, an meinen ‚Vorsätzen‘ dranzubleiben. Was mich auch schon immer motiviert hat, ist der Austausch mit anderen. Sei es mit meinem Mann, meiner Familie oder meinen Freundinnen, die teilweise schon seit 27 Jahren mit mir unterwegs sind, jede heiße Phase mitbekommen haben und mit denen ich eigentlich über alles diskutieren kann. Mit anderen Menschen in die Tiefe zu gehen, kann zwar weh tun, kann anstrengend sein, aber es ist unbedingt auch heilsam. Und für meine Routinen extrem wichtig. Als ich noch Teenagerin war, haben wir uns jeden Samstag getroffen, gemeinsam gebetet, gesungen, diskutiert und gespielt. 

„Damit ich mir immer wieder bewusst mache, dass all das Gute in meinem Leben nicht mein Verdienst ist – und auch keine Selbstverständlichkeit.“

Wissen, was zählt

Darüber hinaus haben mein Mann und ich für uns recht schnell die Routine entwickelt, jeden Abend über unsere Tageshighlights zu sprechen. Mit einem guten, dankbaren Gefühl ins Bett zu gehen und abschließend über den Tag zu beten, hilft mir extrem, mich am Ende des Tages nochmal auf das zu besinnen, was wirklich zählt. Jetzt, mit kleinem Kind, merke ich immer mehr, wie wichtig solche Routinen für den Alltag sind. Routinen für meine Tochter, wenn es ans Schlafen geht. Für die Gesamtplanung und Strukturierung unserer Tage als Familie. Aber auch, um für mich selbst Momente der Ruhe und Entspannung zu finden. Momente, in denen ich mir die Zeit nehmen kann, in mich zu gehen und auch in das Gespräch mit Gott. Mit neuen Situationen kommen neue Sorgen und mit klaren Strukturen kann ich diesen am besten begegnen. In meiner Schwangerschaft habe ich das journalen begonnen, also eine Art Tagebuch geführt, in das ich aufgeschrieben habe, was mich an dem Tag bewegt hat, was meine Sorgen waren, wofür ich dankbar war und bin. Das ist allerdings mit dem Auftauchen meiner Tochter eingeschlafen und ich möchte es als Routine unbedingt zurückgewinnen. Eingeschlafen wohl deshalb, weil es etwas ist, das ich nur für mich mache. Und meistens fallen ja genau diese Dinge als erstes hinten runter. Mir die Zeit zu nehmen, um auch alleine in die Tiefe zu gehen, fällt mir nämlich richtig schwer, wenn es doch noch so viel anderes zu tun gibt. 

Täglich im Gebet

Seit meine Tochter im Oktober geboren wurde, haben sich die Prioritäten deutlich verschoben. Nicht alles muss sofort passieren, die Hektik ist in den Hintergrund getreten, was zählt ist, dass meine Familie gesund ist, dass meine Kleine zufrieden ist. Und wenn dieses kleine Wesen auf meiner Brust schläft, rückt das die Eile und die Dringlichkeit von vielen Dingen ganz schön in den Hintergrund. Aber auch hier gilt – Routinen müssen neu erfunden und Strategien entwickelt werden. Damit ich mir immer wieder bewusst mache, dass all das Gute in meinem Leben nicht mein Verdienst ist – und auch keine Selbstverständlichkeit. Natürlich fällt mir das nicht immer leicht. Was mir besonders hilft, sind Momente, in denen ich merke, dass die Routinen ‚sich auszahlen‘ und ich Antworten auf meine Fragen bekomme. Wir bauen aktuell ein Haus und zum Beispiel die Frage, welche Firma das gemeinsam mit uns machen soll, hat uns lange beschäftigt. Täglich haben wir darüber gebetet, oft mehrmals, mit vielen Firmen Kontakt gehabt, teilweise auch erste Planungstreffen. Aber wir waren nie sicher. Dann haben wir an einem Nachmittag ein Treffen mit einem jungen Mitarbeiter einer weiteren Firma gehabt und im Laufe des Gesprächs stellte sich raus, dass auch er überzeugter Christ ist. Das war für uns eine eindeutige Antwort auf unsere Anliegen und jedes weitere Planungstreffen mit ihm wurde dann mit einem gemeinsamen Gebet begonnen. Oder am Ende der Schwangerschaft, als eine (von mir nicht gewollte…) Einleitung der Geburt fast unausweichlich schien, wir fleißig umbetet wurden, und unsere Tochter sich dann in eben dieser Nacht von ganz alleine auf den Weg gemacht hat.

An solche Momente will ich mich erinnern. Wenn das Chaos des Alltags mich und meine Routinen mal wieder zu verschlingen droht, will ich mir bewusst machen, wie Gott mich schon geführt hat. Und mir gewiss sein, dass er es auch weiterhin tun wird.

Elena Eigenbrodt

Aus dieser Ausgabe

Ich hab´ ja Zeit dafür

Zum Nachdenken

Ich hab´ ja Zeit dafür

Tiefe, statt Tempo. Das klingt so, als müsse man sich für das eine oder das andere entscheiden, als würde beides zusammen nicht

Von Detlef Eigenbrodt

Erbeerstrauch Foto: AdobeStock.com | v_sot

Zum Nachdenken

Wer warten kann, kann hoffen

Das mit dem Warten ist so eine Sache, meint Mathias Hühnerbein, und entfaltet das Thema mit großartiger Gelassenheit und tiefer Einsicht. Ohne

Von Mathias Hühnerbein

Angst vor der Tiefe

Rat für den Alltag

Angst vor der Tiefe

Wer meint, Tiefe sei automatisch das Gegenteil von Oberflächlichkeit, der könnte sich irren. Zumindest wenn es um Beziehungen geht und die Frage,

Von Dr. (Unisa) theol. Martina Kessler

Und dann erst das Wachstum

Kolumne

Und dann erst das Wachstum

Würde nicht diese kleine Maus aus Mexico schon Speedy Gonzales heißen, könnte wohl auch Evi den Namen tragen. Oder vielleicht zumindest Speedy

Von Evi Rodemann

Wenn’s drauf ankommt

Rat für den Alltag

Wenn’s drauf ankommt

Keine Ahnung! Das werden vermutlich viele sagen müssen, wenn´s drauf ankommt. Wenn andere nicht nur ein bisschen durchhängen, sondern ernsthaft absacken. Keine

Von Heiko Kienbaum

Lieder fürs Leben

Lebensgeschichte

Lieder fürs Leben

„Befiehl du deine Wege“ ist eine Formulierung, die viele Christen kennen. An Psalm 37 angelehnt bildet sie die ersten Worte eines der