Rat für den Alltag

Geduld, es ist so schön mit dir

Aus der Ausgabe Winter 2025

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Als ich gefragt wurde, ob ich diesen Beitrag über Geduld und Beziehungen schreiben würde, musste ich erst mal herzhaft lachen. Meine Kinder lachten auch. Und die Geduld selbst lachte mit. Sie und ich führen derzeit nämlich eine Fernbeziehung. 

Ich bin überfordert

Sollte Geduld, oder Langmut, wie die Bibel sie nennt, nicht Teil meines Wesens sein, wenn der Heilige Geist doch in mir wirkt? Sollten Geduld und ich nicht Besties sein und durch dick und dünn gehen? Schließlich ist sie die beste Ratgeberin für all meine anderen Beziehungsgeflechte. Und da gibt es doch viele: Ich bin Ehefrau, Mutter, Gemeindeleiterin, Teil des Elternbeirats, Schwester, Tochter, Freundin, Tante, Schwägerin, Seelsorgerin, Vorgesetzte und, und, und. In all dieser Fülle merke ich immer wieder, dass es gar nicht so leicht ist, Beziehungen gut zu navigieren. Sie fordern mir einiges an Geduld ab. Schlecht, wenn ich dann das Gefühl habe, mit einer löchrigen Kelle aus einem leeren Fass zu schöpfen.

Ich befürchte auch, dass ich damit nicht allein dastehe. Wohin ich blicke, habe ich das Gefühl, der Ton sei rauer geworden. In den „sozialen“ Medien sowieso, aber auch im richtigen Alltag kann ich immer wieder Situationen beobachten, die mich befürchten lassen, dass wir als Gesellschaft an Geduld verlieren. Rasante Überholmanöver im Stadtverkehr, Streit, wer zuerst an die Supermarktkasse darf, und dann kenne ich noch einen Fall von Nachbarschaftsstreit, der wegen eines Astes vor Gericht gelandet ist. Gut, man könnte meinen, dass das einfach nur irgendwo da draußen passiert, aber auch in unseren Gemeinden nehme ich eine zunehmende Schärfe wahr. Wir schreien uns vielleicht nicht an, wie die Männer an der Aldi-Kasse, aber wir gehen auf Rückzug. Ich bekomme mit, dass Menschen teilweise wochenlang aus Verletzung nicht miteinander kommunizieren, oder dann plötzlich die Gemeinde verlassen. Das schmerzt! 

„Schlecht, wenn ich dann das Gefühl habe, mit einer löchrigen Kelle aus einem leeren Fass zu schöpfen.“

Ich kenne den Druck

Wir könnten alle ein bisschen mehr Zeit mit der Geduld verbringen, oder? Die Frage, die sich stellt, ist die: Wie kommen wir zu mehr Geduld? Was brauchen wir dafür? Nehmen wir doch mal diese Fragen, und setzen uns mit einer Tasse Tee oder Kaffee mit dem Heiligen Geist zusammen. Zuerst eine Bestandsaufnahme: Was macht mich unentspannt? Weshalb kann ich nicht so geduldig reagieren, wie ich gerne würde? Was verhindert, dass diese Frucht in meinem Leben wachsen kann? Bei mir sind es nicht Ängste und Sorgen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich erkennen, dass ich das Wachstum dieser Frucht selbst dadurch verhindere, dass ich eine Ja-Sagerin bin. Ich neige dazu, mir viel zu viele Aufgaben aufzuhalsen, das baut Druck auf. Und unter Druck kann ich ganz schön ungenießbar werden. Diesen Druck gebe ich dann weiter. Ich nehme mir dann nicht die Zeit, mich empathisch in mein Gegenüber hineinzuversetzen, sondern muss hasten, machen, erledigen. Auf diese Erkenntnis muss eine neue Lektion folgen. Ich muss lernen, fokussierter und gezielter „Ja“ zu sagen und nicht überall zu reagieren, wo Anforderungen anklopfen. Ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass es einen Erlöser für alle gibt, und ich bin es nicht! Jesus ist der Retter, der unter Druck nicht ungenießbar wird und alle dürfen Zugang zu Ihm haben, ich darf entspannter sein!

Ein zweites Lernfeld für mich ist, das Gegenüber niemals als Feind zu betrachten! Unsere Gesellschaft spaltet sich immer mehr in oppositionelle Lager, das dürfen, sollen und können wir als Christen anders machen. Welch eine Gnade ist es doch, wenn wir miteinander lernen, Unterschiede nicht nur auszuhalten, sondern sogar als Chance wahrzunehmen. Noch weiter geht es, wenn wir wirklich versuchen, Mitgefühl füreinander zu entwickeln und über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wenn wir uns die Zeit nehmen, unser Gegenüber verstehen zu können, fällt es uns mitunter leichter, Christus im Anderen zu entdecken. Wir dürfen uns immer wieder daran erinnern, dass wir alle unsere eigenen Herausforderungen haben und deshalb barmherzig miteinander sein sollten.
 

Ich lasse mich einladen

Wie kommen wir nun aber dazu, dass all das auch in echter Geduld mündet und nicht lediglich im schalen Versuch, dem Anderen rational Raum zu geben? Die gute Nachricht ist: Geduld muss ich mir nicht erarbeiten. Ich muss sie nicht zusammenkratzen. Es ist der Heilige Geist, der sie in mir reifen lässt. Wenn wir Geduld wollen, müssen wir zurück zur Quelle der Geduld: zu unserem Gott. In meiner Beziehung zu Jesus entdecke ich die blinden Flecke in mir und darf mit dem Heiligen Geist gemeinsam Raum schaffen. Er ist es aber, der die Frucht zum Wachsen bringt. Dabei lehne ich mich nicht entspannt zurück, sondern lasse mich zur Veränderung einladen, sowohl in mir drin als auch im Außen. Ich möchte von meiner Seite alles tun, damit sich die Geduld wohl bei mir fühlt, in dem Wissen, dass der Heilige Geist sie dazu einlädt, bei mir zu wohnen. Und wie schön ist es doch, wenn wir eine Begleiterin haben, die unsere Beziehungen zu etwas besonders Erstrebenswerten macht!

Im Johannesevangelium sagt Jesus seinen Jüngern, dass die Welt an ihrer Liebe zueinander erkennen wird, dass sie zu Ihm gehören. Dieses Erbe tragen wir in uns! Wie wir miteinander umgehen, wie wir unsere Beziehungen leben, das hat mehr Auswirkungen als eine reine, blütenweiße Theologie. Wäre es nicht toll, wenn wir als Familien, als Ehepaare, als Freunde, als Gemeinden dafür bekannt wären, wie liebevoll und geduldig wir miteinander und mit denen um uns herum umgehen? Lasst uns doch immer wieder einander erinnern, dass Gottes Motivation hinter seinem Heilsplan nicht Frustration, sondern Liebe war. Lasst uns immer wieder miteinander der Geduld nachhaschen und sie einladen, bei uns zu wohnen. Lasst uns in einer Welt, in der die Barrikaden immer höher und die Gräben immer tiefer werden, Brückenbauer sein. Und lasst uns nicht so viel über Geduld reden, lasst sie uns leben!
 

Fülke Wagner

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