Kolumne

Die Armut berührt

Aus der Ausgabe Herbst 2025

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„Überlege dir schon mal, was du in fünf Jahren machen wirst. Denn dann läuft der Laden und du brauchst etwas Neues.“ Dieser vorausschauende Rat eines guten Freundes begleitete mich, als ich im Sommer 2007 den deutschen Zweig von Compassion International gründete. Ein Werk, das sich durch Eins-zu-Eins-Patenschaften um inzwischen 2,3 Millionen Kinder kümmert und sie auf ihrem Weg raus aus der extremen Armut begleitet. Mein Freund hatte Unrecht. 

Das Telefonat

Ich bin jetzt 19 Jahre dabei und habe bis auf ganz wenige Ausnahmen keinen Tag bereut. Es begann mit einem Telefonat eines Engländers, den ich vorher nicht kannte. Er stellte sich als Repräsentant von Compassion vor und fragte, ob wir uns mal treffen könnten. Ich kannte weder ihn noch Compassion, ich hatte auch bis zu diesem Zeitpunkt, immerhin war ich da bereits 45, noch keine einzige Berührung mit einem Slum oder mit extremer Armut gehabt – und Kinder und Jugendliche waren auch nicht so mein Ding. Der Besuch Es hat mir dann auch den Boden unter den Füßen weggezogen, als ich völlig unbedarft in Port-au-Prince auf Haiti in einem Slum die unglaublichen Lebensbedingungen sehen musste. Ich war nur vier Tage im Land, aber die haben mir gereicht. „Es gibt nur zwei Reaktionsmöglichkeiten, wenn du so etwas erlebst“, sagte mir ein anderer Freund. „Entweder du kommst zurück und schüttelst den Staub von deinen Schuhen, und das war’s – oder du bist tief betroffen und wirst für die Armen tätig werden.“ Und genau so kam es. Als ich von der Reise auf Haiti am Flughafen auf den Rückflug wartete, fragte einer der lokalen Mitarbeiter: „Steve, hast du die Armut berührt?“ Gute Frage, für die Antwort brauchte ich einige Wochen: „Nein!

Ich hatte die Armut nicht berührt, denn die vier Tage waren höchstens eine kurze Momentaufnahme. Aber: Die Armut hatte mich berührt und mich mitten ins Herz getroffen.“

„Entweder du kommst zurück und schüttelst den Staub von deinen Schuhen, und das war’s – oder du bist tief betroffen und wirst für die Armen tätig werden.“

Die Entwicklung 

Seitdem setze ich mich mit einem inzwischen an die 30 Mitglieder großen Team für die Förderung der Kinder und Jugendlichen in 29 der ärmsten Länder der Erde ein. Inzwischen haben wir aus Deutschland heraus über 40.000 Menschen, die mit uns auf diesem Weg unterwegs sind. Ich bin immer wieder erstaunt, beschämt und beeindruckt zugleich, was Gott aus den kleinen Anfängen in 2007 bis heute hat entstehen lassen. 

Das Leben 

Ganz mein Ding? Nein! Ich könnte mir viele andere Dinge vorstellen, mit denen ich den Tag verbringen könnte. Dass ich trotzdem so lange dabei bin und ich das als Berufung leben darf, liegt daran, dass es Ganz sein Ding ist. Gottes Herz schlägt für die Armen. Sie haben bei ihm einen besonderen Platz. Wenn ich unterwegs bin, begegnen mir immer wieder Christen, die mir frustriert sagen: „Schön, was du erzählst, aber ich erlebe diesen Gott nicht in meinem Leben.“ Meine Antwort darauf ist inzwischen immer dieselbe: „Kümmere dich um die Armen und du wirst Gott erleben! Kümmere dich um andere und Gott kümmert sich um dich.“

Steve Volke

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