Bibel verstehen

Das ist wie Porridge

Aus der Ausgabe Sommer 2026

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Unsere Glaubensbiografien begannen relativ unterschiedlich: Ben kommt aus England, Rahel aus Deutschland. Ben ist Priester in der anglikanischen Kirche von England, zu der weltweit viele Menschen zählen, Rahel kommt aus dem im Vergleich dazu eher kleinen FeG-Bund. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: die Gottesdienste in unseren Gemeinden bestanden aus moderner Lobpreismusik, einer guten (oder manchmal auch nicht so guten …) Predigt und persönlichem, freiem Gebet. Vor diesem Hintergrund wirken liturgische Gebetszeiten erstmal fremd. Und trotzdem haben wir beide darin einen Schatz entdeckt, der unsere Beziehung zu Gott vertieft hat.

Was Liturgie bedeutet

Erstmal ist eine Liturgie ein gottesdienstlicher Ablauf mit bestimmten festen Elementen, die oft in einer ähnlichen Reihenfolge auftauchen – etwa Textlesungen, Fürbitten oder Lieder. Deshalb gilt: Jede Gemeinde hat eine Liturgie, also wiedererkennbare Muster. Uns geht es aber um Liturgie in einem engeren Sinne: Gebetszeiten mit einem vorgegebenen Ablauf, vorformulierten Worten, Bibeltexten, die sich am Kirchenjahr orientieren, gemeinsam gesprochenen Schuldbekenntnissen, feste Eröffnungsworte und Schlussformeln. Es geht also um vorstrukturierte Gebetszeiten, ein bewusst geformtes Muster. Dabei gibt es Liturgien, die an Gebete anknüpfen, die 2000 Jahre alt sind oder auch moderne, meditative Formen.

Je nachdem, wo deine geistliche Biografie beginnt, merkst du vielleicht, dass du mit dieser Beschreibung wenig anfangen kannst oder sich sogar Widerstand in dir regt. Sind vorformulierte Worte nicht das Gegenteil eines ehrlichen Gesprächs mit Gott, unserem Vater? Stehen feste Strukturen nicht im Gegensatz zur Freiheit des Heiligen Geistes? Solche Fragen sind natürlich berechtigt. Große theologische Worte, die wir sagen oder singen, können in jeder Gottesdienstform zu leeren Hüllen werden. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie scheinbar alte, starre Worte in die Begegnung mit dem lebendigen Gott führen. Das heißt nicht, dass wir Formen des Lobpreises oder Gebets unserer Kindheit hinter uns gelassen haben, sondern wir haben strukturierte Liturgien als wichtige Ergänzung erlebt. 

„Wir glauben, dass Liturgie uns neue Tiefe und Ruhe schenken kann, in einer Welt, die mit hohem Tempo unterwegs ist.“

Mit Worten konfrontiert

Wir glauben, dass Liturgie uns neue Tiefe und Ruhe schenken kann, in einer Welt, die mit hohem Tempo unterwegs ist. Sorgfältig formulierte Worte mitzusprechen, zwingt uns, innezuhalten und uns einzulassen, auch auf das, was sperrig und – ja sogar oft – langweilig ist. Die Rektorin an Bens theologischem Seminar verglich das liturgische Morgengebet mit Porridge (natürlich – die Engländer …). Porridge ist nichts Besonderes. Man kann Honig, Nüsse oder Früchte drauf machen, aber Porridge bleibt Porridge: eine graue Masse aus Haferflocken und Wasser – die uns gut für den Tag versorgt. Und das ist Liturgie. Liturgie ist nicht spannend, ist nicht vergleichbar mit großen Jugend- oder Lobpreisevents, mit Taufgottesdiensten oder Weihnachtsfesten. Liturgische Gebetszeiten sollten auch gar nicht unsere einzige Form zu beten werden, aber sie enthalten, was wir für den Alltag brauchen. Und ganz leise kann uns diese Form zu beten verändern. Liturgisches Gebet konfrontiert uns mit Texten und Worten, die nicht unsere sind. Während wir mit den Psalmen Gefühle durchbeten, die wir gerade nicht fühlen (ob Trauer, Klage oder Freude…), werden wir Stück für Stück aus unserer kleinen Welt hinausgezogen.

Die andere Stimme

Diese Horizonterweiterung ist heute besonders wichtig, denn wir leben in einer therapeutischen Gesellschaft. Wir haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, besser auf unsere Gefühle zu hören. In vielen Kreisen ist es (zum Glück) kein Tabuthema mehr, Therapie in Anspruch zu nehmen. Wir beschäftigen uns mit unseren Lebensgeschichten, Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Wir sind beide Millennials und anders als mancher Leser oder manche Leserin völlig in dieser Welt der Authentizität aufgewachsen. In vielerlei Hinsicht ist das ein Geschenk. Allerdings stehen wir damit auch in einer Zeit, in der wir Tiefgang schnell mit der Erkundung unserer eigenen Empfindungen gleichsetzen. 

Die Gefahr ist, dass unser Leben an Tiefe verliert, wo wir ständig um uns selbst kreisen. Im Gespräch nutzen wir was der andere sagt als Sprungbrett für unsere Geschichte, unsere Sorgen und unsere Hoffnungen. Unsere Krisen werden unsere Welt und immer seltener hören wir eine andere Stimme als unsere eigene. In ihrer Fremdheit und Sperrigkeit kann uns Liturgie aus diesem Kreisen befreien. Die fremden Worte aus liturgischen Gebetszeiten decken sich nicht immer mit dem, was ich gerade fühle und erlebe, sind vielleicht weniger authentisch und gerade das ist ihr Potential. Wir werden hineingezogen in die Geschichte Gottes, die er nicht nur mit uns, sondern mit seiner ganzen erlösungsbedürftigen Welt schreibt. Im Lebenszentrum Adelshofen, wo wir gerade beide arbeiten, sprechen wir ein gemeinsames Sündenbekenntnis im Morgengebet. Nicht erst am Abend, um über unsere persönlichen Sünden nachzudenken, sondern am Morgen. In dem Wissen, dass wir jeden Morgen schon in einer Welt beginnen, die schon in Schuld verheddert ist. Wir treten nicht nur für uns ein, sondern wir stehen vor Gott und beten um seine Gande für diese 
ächzende Welt. 

Es geht nicht um uns

In seinem Artikel über evangelische Spiritualität schreibt Ralph Kunz: „Im Ritual geht es demnach nicht um die Macht einer Gewohnheit, sondern um die Einwohnung einer Macht. Rituale sind so gesehen Türöffner. Wer oder was wie mächtig kommt, hängt davon ab, wer oder was angerufen wird.“ Kunz erinnert uns, dass es bei christlicher Spiritualität nicht darum geht, achtsame Gewohnheiten zu entwickeln, um uns selbst besser kennen zu lernen. Selbstkenntnis hilft in unserer Gottesbeziehung wie in jeder anderen Beziehung unseres Lebens, aber sie ist nicht das Ziel unserer geistlichen Praktiken. Ziel unseres Gebets, unserer Gottesdienste, unseres Lobpreises ist es dem lebendigen Gott zu begegnen und ihn mehr zu erkennen. 

INFO

Hier ein paar Angebote, um im Alltag liturgisches Gebet auszuprobieren:

Rahel und Ben Coulter Siebald

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