Kolumne

Alles schön und gut

Aus der Ausgabe Winter 2021

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„Kleider machen Leute!“ Diese Worte habe ich oft in meinem Elternhaus gehört und mein Vater war dementsprechend sehr großzügig, wenn es darum ging, dass seine Frau und seine drei Töchter stets gut gekleidet waren. Und das Motto meines Opas war: Hauptsache, die Kleider sind sauber und die Schuhe geputzt! „Kleider machen Leute“ – das galt damals. Heute gilt: „Körper machen Leute“. Der neue Luxus ist das verwöhnte, gepflegte und durchtrainierte Selbst. Als immer mehr Freunde in meinem Umfeld von ihren guten Erfahrungen mit einem Crosstrainer schwärmten und ich zunehmend das Gefühl hatte, ich sollte mir auch einen anschaffen, legte ich mich gemütlich auf den Teppichboden meines Wohnzimmers und wartete, bis das Gefühl vorüberging! Aber nein, Spaß beiseite. 

Attraktivität

Bei vielen Menschen ist Schönheit tatsächlich durch Leistung erworben, bei anderen ganz einfach ein Geschenk der Natur. Ein Geschenk oder eine Strafe – es kommt ganz darauf an. Wer außergewöhnlich schön ist, kann die Menschen in seinem Umfeld zu zwei gegensätzlichen Reaktionen bewegen: Bewunderung und Bevorzugung oder Neid und Eifersucht. Übermäßige Schönheit ist mit Vorsicht zu genießen, denn sie kann aus guten Menschen schlechte machen. Sie kann zu Arroganz und Rücksichtslosigkeit führen. Außerdem gilt: Wenn Attraktivität ein Geschenk der Natur ist, dann eines mit nur geringem Haltbarkeitsdatum. Am Ende fallen auch den schönsten Männern die Haare aus und zum Schluss treten selbst bei den schönsten Frauen die Adern hervor. Jeder wird älter und schließlich auch alt. Die Sterbensrate liegt immer noch bei hundert Prozent! Schönheit, egal ob gekauft oder geschenkt, vergeht spätestens auf dem Sterbebett. 

Haltung

Was aber wirklich schön an einem lebendigen Menschen ist, lässt sich nicht in einem Gemälde, auf einem Foto oder in den sozialen Medien erkennen. Schönheit ist dort zu finden, wo sich nach außen das zeigt, was innen ist, wie z. B. Halt. Der schönste Mensch kann unattraktiv wirken, wenn er unzufrieden, undankbar, ungeduldig, orientierungslos oder anerkennungssüchtig ist oder sich selbst bemitleidet und ein Anspruchsdenken hat. Der schönste Mensch kann unattraktiv wirken, wenn er in schwierigen Zeiten keine Haltung zeigt, wenn er seinen Herausforderungen mutlos begegnet und kein Gespür dafür hat, was seine Persönlichkeit wirklich ausmacht. Wenn wir uns jedoch daran gewöhnen, aus Einsicht und Überlegung das zu tun, was in moralischer Hinsicht erforderlich ist, sorgen wir dafür, dass sich diese Gewohnheit zu einer Grundhaltung verfestigt. Das Schöne braucht also das Gute. Menschen, deren äußere Schönheit sich nach und nach in innere Haltung verwandelt, bleiben ein Leben lang attraktiv. Ihre Haltung triumphiert über das Unschöne in ihrem Leben. Ein guter Mensch ist immer irgendwie schön, aber ein schöner Mensch ist nicht immer gut. Die Geschichte der außergewöhnlich schönen Königin Esther, die einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte, wäre vermutlich niemals ein Teil der Bibel geworden, wenn sie nicht mutig ihre Stimme für das Wohl ihres Volkes erhoben hätte. Sie war nicht nur für ihre Schönheit bekannt, sondern auch für ihren Glauben, ihre Tapferkeit und ihre seelische Kraft.

Also werde ich weiterhin Sport treiben, mich aber hauptsächlich darum bemühen, aus Einsicht das zu tun, was in moralischer Hinsicht erforderlich ist. Nämlich, mich besonnen, vernünftig und mutig für das Gute einzusetzen. Dann brauche ich auch keine Angst vor meinen „Feinden“ zu haben: weder vor der Waage noch vor der Umkleidekabine und auch nicht vor dem Spiegel! So lebt sich’s gut!

„Ein guter Mensch ist immer irgendwie schön, aber ein schöner Mensch ist nicht immer gut.“

Aus dieser Ausgabe

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Standpunkt

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Von Steve Volke