Bibel verstehen

Vom Kümmern und der zweiten Meile

Aus der Ausgabe Frühling 2020

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„Kümmere dich darum, dass …“ Den Satz höre ich häufig. Aber was genau ist dieses sich Kümmern denn?

Der Duden erklärt, dass „sich kümmern“ so viel heißt wie „sich helfend um jemanden bemühen, jemandem Aufmerksamkeit schenken“. Wenn man zum Beispiel einer Pflanze nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt, sie nicht gießt, dann entwickelt sie sich nicht weiter. Im Gegenteil, sie verkümmert. Interessanter Gedanke. Wenn ich meine Orchidee nie gieße, vertrocknet sie. Das ist zwar schade, aber kein Weltuntergang. Wenn ich mich nicht um meine Familie kümmere, ist das hingegen etwas anderes. Das hat nicht nur was mit einkaufen, kochen und putzen zu tun. Ich kümmere mich um die Menschen in meinem Umfeld. So, wie sie sind, als Persönlichkeiten. Praktische Versorgung ist ein Teil davon. Aber kümmere ich mich auch darum, dass sie in ihrem Glauben wachsen? Oder dass sie überhaupt mal was von Gott hören? 

Über den Massenmord an Möglichkeiten

Dass ich mich um andere kümmern darf und soll, steht außer Frage. Nun ist das aber kein Gesetz und ich werde nicht bestraft, wenn ich mich nicht um sie kümmere. Oft sehe ich mich hier fragend zwischen Verantwortung und gesundem Egoismus. Darf ich mich auch mal abgrenzen?

„Ich kümmere mich gern darum, dass in unserem Kühlschrank mehr als Licht und Butter ist und dass mein Bruder wichtige Geburtstage unserer Verwandtschaft nicht vergisst. Finde ich nett von mir. Denn ich müsste das ja nicht machen.“

Immer wieder brauche ich Weisheit, um gute Entscheidungen zu treffen. Und oft kommt es vor, dass mir jemand etwas zuschieben will, was eigentlich nicht meine Zuständigkeit ist. Mir hilft es, kurz abzuwägen: Wenn ich bei einer Sache zusage, sage ich automatisch Nein zu anderen Sachen. Jede Entscheidung ist ein Massenmord an Möglichkeiten. Klingt bedrohlicher, als es ist. Denn dieses kurze Abwägen der Konsequenzen hilft mir, mich zu orten und meine Prioritäten zu sortieren. Ich kümmere mich gern darum, dass in unserem Kühlschrank mehr als Licht und Butter ist und dass mein Bruder wichtige Geburtstage unserer Verwandtschaft nicht vergisst. Oder auch darum, dass jede Woche unser Hauskreis stattfinden kann. Finde ich nett von mir. Denn ich müsste das ja nicht machen. Und das ist der Punkt beim Kümmern: Wir tun es freiwillig und aus unterschiedlichen Beweggründen. Und ich habe ja am Ende auch was davon. Man kann sich eigentlich gar nicht kümmern, ohne etwas zurückzubekommen. 

Über das, was mich besonders bedrückt

Je nach Blickwinkel sieht´s in der Welt nicht immer rosig aus. Diese Tatsache kann mich entweder völlig unbekümmert lassen oder mich sehr bekümmern. Letzteres löst Anteilnahme bei mir aus und verweist damit auf die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes: kümmern kommt vom mittelhochdeutschen kummern/kumbern und heißt so viel wie bedrücken, quälen. Ich bin also auch ein bisschen bedrückt darüber, dass es einem anderen nicht so gut geht. Und dann darf ich frei entscheiden, ob und in welchem Maß ich mich kümmere. Die zweite Meile müsste nicht sein, man geht sie aus freien Stücken mit. Aus Liebe zu wem oder was auch immer. 

Oft sind das die Dinge, die vor meiner Nase liegen. Wie die Orchidee zum Beispiel, die mal wieder Wasser braucht. Aber vor allem die Menschen, die mir täglich begegnen – persönlich oder im Videochat. Und wenn ich mir unsicher bin, kann ich ja fragen: „Ich habe den Eindruck, dass dich etwas bekümmert. Wie kann ich dir helfen? Um was soll/kann/darf ich mich kümmern, damit es dir besser geht?“ Damit signalisiere ich Aufmerksamkeit und Interesse. Müsste ich nicht machen. Die zweite Meile gehe ich freiwillig. Aber wer weiß, ob ich nicht morgen schon dankbar dafür sein werde, dass sich jemand um mich kümmert und ein Stück Weg mit mir geht?

Magazin Sommer 2020

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